Das ARD-Magazin Report hat twitternde Bundestagsabgeordnete aufs Korn genommen (“Berlin zwitschert”: http://tinyurl.com/yattmnw). “Schade, dass es im Plenum des Deutschen Bundestages keinen Kaffee gibt“, hatte die Lübecker SPD-Abgeordnete Gabriele Hiller-Ohm am 3. Dezember um 18:13 über ihr Smartphone aus dem Bundestag gemeldet (http://twitter.com/gabihillerohm). Die Report-Redaktion verlieh der Parlamentarierin eine Goldmedaille für diesen, offensichtlich belanglosesten Tweet aus dem Hohen Hause, den das TV-Magazin finden konnte.

Die Journalisten hatten die Qual der Wahl. Dutzende Spitzenpolitiker funken mittlerweile Unpolitisches und Unwichtiges in Echtzeit in den Äther des Internets. “Nur mit 10 Mann aber 2:0 HSV“, vermeldete beispielsweise der schleswig-holsteinische SPD-Chef Ralf Stegner vor einigen Tagen (http://twitter.com/Ralf_Stegner). Eigene Liveberichterstattung über den Hamburger Sportverein ist Stegners Faible, auch wenn sie manchmal etwas inhaltsschwach daherkommt wie ein Tweet eine Woche zuvor: “Nur der HSV!!!!!

Die Bundesgeschäftsführerin der Grünen, Steffi Lemke (http://twitter.com/SteffiLemke), meldete sich dagegen am vergangenen Wochenende aus der Schalke-Arena zu Wort. Das 1:0 des Revierklubs gegen Mainz 05 mache trotz der Kälte im Stadion “richtig warm“, gab sie via Twitter zu Protokoll.

Es mag vielleicht nicht überraschen, dass der Mönchengladbacher CDU-Ratsherr Hans Wilhelm Reiners (http://twitter.com/hawi_reiners) mit der Borussia seiner Heimatstadt hält und zwei Wochen vorher getwittert hatte “hawi_reiners hat spaß am bundesliga-live-ticker: roel brouwers gleicht für borussia bei bayern münchen zum 1:1 aus. geht doch.” Ärgerlich aus Sicht von Fußballfreunden könnte jedoch sein, dass Reiners den Endstand des Spieles, nämlich 2:1 für Bayern München, nicht mehr öffentlich machte.

Aber es geht ja gar nicht nur um Inhalte. Bürgernähe hat sich mancher Politiker als Medizin gegen die Politikverdrossenheit des Wahlvolks verordnet. Und was könnte bürgernäher sein als die Liebe zu einem Bundesligaverein?

Die Frage ist nur: Kommt das Menscheln überhaupt an draußen im Lande?

Der Freiburger Stadtrat Daniel Sander, der bei der Bundestagswahl aussichtslos für die CDU kandidierte, twittert seit langem (http://twitter.com/danielsandercdu). Auf die Frage der Badischen Zeitung (http://tinyurl.com/ydxnbx2), wer denn so etwas lese, antwortete Sander: “Weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Aber ich habe immerhin schon fast 1000 Followers.”

Ob Sander verstanden hat, dass man sich seine Follower auch auflisten und gegebenenfalls sogar sperren lassen kann? Wahrscheinlich eher nicht, denn seine Leserschaft ist eine zum Teil eher illustre Schar. So offeriert der Follower 999euro Sander und anderen Twitterern noch mehr Erfolg bei der Echtzeitkommunikation: “You need to check out this site if you want more followers.” Der Twitterer IMPatch scheint ebenfalls kein Deutsch zu sprechen, er verbreitet sich über das Thema Suchmaschinenoptimierung von Internetauftritten: “Hands down Best Hands Free SEO Software“. Und die Followerin lollipopt0 zeigt sich schließlich bereit alles zu vermitteln, was die Pornobranche produziert.

Der Politiker Sander hat es mit Twitter-Spam zu tun, wie viele seiner Kollegen ebenfalls. Statt E-Mails an unbekannte Menschen zu versenden und sich strafbar zu machen, haben halbseidene Werbestrategen längst Twitter entdeckt: Man kann die Zielgruppe für unverlangte Werbung dort recht genau selektieren, da Twitterer alles Mögliche über sich preisgeben (wie etwa ihre Liebe zum Bundesligafußball). Bei der Suche nach potenziellen Empfängern der Werbebotschaft helfen Softwaretools, die im Strom der Twitternachrichten nach festgelegten Begriffen und deren Urhebern suchen. Dann schicken die Twitter-Spammer einen Software-Robot los und lassen sich als Follower der identifizierten Spamadressaten eintragen – scheinbar unverdächtig wie normale Leser. Doch lesen wollen sie nicht. Nur ihre Werbebotschaft verbreiten. Pflegen die so Verfolgten ihren Account sorgfältig, müssen sie sich den Account des Spammers genau ansehen, um festzustellen, dass er besser blockiert werden sollte – und lesen, was der Spammer verbreiten möchte. Pflegen die Spam-Opfer ihren Account nicht, wie Sander und andere Politiker, verbreitet sich die Werbebotschaft virusartig im Netz – etwa, wenn andere Benutzer nachschauen, wer ihrem Lieblingspolitiker so alles folgt. In beiden Fälle hat der Spammer sein Ziel erreicht – und zwar ohne sich strafbar zu machen.

Zwar geht Twitter neuerdings zügig gegen Spam vor, aber die Grenzen sind fließend. Warum soll jemand, der Dienstleistungen für Politiker anbietet und dies in seinen Tweets erwähnt, nicht einem Politiker folgen dürfen?

Selbst wenn es den Machern von Twitter gelingt, alle klassischen Spam-Botschaften zu eliminieren, bleibt das eigentliche Problem bestehen: Ein nicht unerheblicher Teil der Follower ist an den Inhalten überhaupt nicht interessiert. Es ist eine Illusion sie mit Rezipienten gleichzusetzen. Sie sind – im Gegenteil – oft selbst Broadcaster, die nicht lesen, sondern nur ihre Botschaft verbreiten wollen! Denn die Follower von Politikern sind zu einem erheblichen Teil Aktivisten der gleichen Partei und in vielen Fällen nicht einmal Individuen, sondern Parteiorganisationen oder politische Institutionen. Sie folgen ihren Parlamentariern aus dem gleichen Grund wie Spammer – nämlich um wahrgenommen zu werden, nicht etwa um zu lesen.

Dazu kommt ein weiterer Effekt: Intuitiv erkennen die Teilnehmer sozialer Netzwerke im Web, dass es ihren Abgeordneten zu kommunikativer und politischer Relevanz verhilft, wenn sie sich zu ihnen bekennen. Bei Facebook beispielsweise wird man “Unterstützer” eines Politikers und Dritte können das sehen. Bei Twitter wird man eben Follower. Aber dies bedeutet noch lange nicht, dass man die Botschaften des Politikers selbst lesen möchte.

Wie stark die beschriebenen Effekte sind, zeigt der Twitter-Account von Gregor Gysi (http://twitter.com/gregorgysi): Über 1.400 Followers hat er mit drei mageren Tweets gewonnen, die im Februar begannen und im April schon wieder endeten. Gysi hatte Twittern nur mal kurz ausprobiert und es sofort wieder sein lassen. Null Inhalt und trotzdem erfolgreich auf der Bühne der Echtzeitkommunikation – das geht nur, weil die Leser in Wirklichkeit Broadcaster und die Follower in Wirklichkeit Unterstützer sind.

Für den überwiegenden Teil des Politiker-Getwitters dürfte daher eines feststehen: Dass die Botschaften den potenziellen Wähler erreichen, ist Illusion.

Doch die Politiker tun nur das, was ihnen ihre Berater vorschlagen. Und deren Vorschläge sind blumig. Der Twitterhype hat sich, insbesondere in der politischen Kommunikation Deutschlands, zu einer Glaubenssache entwickelt. Wahre und selbsternannte Internetfreaks und Webexperten verzichten auf funktionale Kommunikationsmodelle und werfen stattdessen einander lieber vor, Twitter falsch oder gar nicht verstanden zu haben. Sie entwickeln Philosophien, die sich der Nachprüfbarkeit entziehen. Transparenz der politischen Arbeit erzeuge das Feuer der 140-Zeichen-Salven, behaupten sie, ohne zu sagen bei wem. Man müsse dialogbereit kommunizieren und dürfe Twitter nicht nur als “Link-Schleuder” missbrauchen, geben sie zum Besten, ohne Dialogpartner liefern zu können. Authentizität sei wichtig, der Politiker müsse daher selbst twittern, raten sie und stehlen sich klammheimlich aus der inhaltlichen Mitverantwortung. Obama habe es doch vorgemacht, heißt es allenthalben, aber niemand schaut genau hin, was der heutige Präsident, Vorbild aller politischen Twitterer, getan hat und noch tut.

Der damalige Präsidentschaftskandidat Barack Obama hat im Herbst 2008 – sehr erfolgreich, wie wir wissen – genau das getan, wovon ihm in Deutschland jeder abgeraten hätte: Er hat seine Presseleute unter http://twitter.com/BarackObama Links in die Welt schleudern lassen. Links, die darüber informierten, wo die nächste Wahlkampfveranstaltung stattfand, was gerade auf Obamas Website veröffentlicht worden war oder dass ein weiteres seiner unzähligen Videos im Web stand. Die Authentizität reduzierte sich in aller Regel darauf, dass die Tweets unter Auslassung jeglicher Personalpronomen formuliert waren, damit niemand dem Kandidaten den Vorwurf machen konnte, zu Unrecht so zu tun, als twittere er selbst. Obama hat Twitter geschickt – allerdings dialogfrei! – dazu eingesetzt, Besucher auf seine Website zu ziehen, um diese dort zu Mithilfe im Wahlkampf und zum Spenden zu animieren. Apropos: Mittlerweile wird Barack Obamas Twitter-Account sogar ganz offiziell von der Unterstützer-Organisation “Organizing for America” weitergeführt.

Dass der Twitteraccount des Kandidaten am Wahltag rund 140.000 Follower hatte, war das Ergebnis einer klugen Strategie. Die Ernennung seines Vizepräsidentschaftskandidaten Joe Biden gab Obama – noch bevor er die Medien informierte – via Twitter bekannt. “Announcing Senator Joe Biden as our VP nominee. Watch the first Obama-Biden rally live at 3pm ET on http://BarackObama.com“, sandte, wer auch immer, am 23. August 2008 in den Echtzeitäther. Ein Ritterschlag für Twitter – und für Obamas Twitteraccount selbst, der somit zur Primärquelle für Nachrichten aus dem Wahlkampflager wurde.

Content is king, das gilt eben auch dann, wenn es nur um 140 Zeichen geht. Wie man mit Inhalten politischen Gewinn aus Twitter ziehen kann, macht derzeit auch ein Politiker in der bayrischen Provinz vor.

Der Augsburger Stadtrat Christian Moravcik, Mitglied der Grünen, twitterte bereits seit längerem aus den Sitzungen politischer Gremien der Stadt (http://twitter.com/Chrisgruen). Stadtkämmerer Hermann Weber (CSU) hatte bereits die Erfahrung machen müssen, direkt im Anschluss an eine nichtöffentliche Sitzung von einem Journalisten mit Details konfrontiert zu werden, die Moravcik getwittert hatte.

Am 18. Dezember liest die CSU während der Stadtratssitzung auf einem Notebook daher mit, was Moravcik von sich gibt. Aus einem nichtöffentlichen Teil der Sitzung meldet Moravcik nach außen: “grab antwortet. is ziemlich ausser sich. wurde von allen mehr oder weniger kritisiert, auch von kränzle.

Daraufhin werden Moravciks Tweets über die Sitzung zum Gegenstand derselben. Eine gute Stunde später fühlt sich der Grüne genötigt, via Twitter richtigzustellen: “herr dr. kränzle (csu) weist daraufhin, er hätte in keinsterweise herrn referenten grab kritisiert, wie ich getwittert hatte.

Am Ende einer “hitzigen Debatte” beschließt der Augsburger Stadtrat, das Twittern solle unterbleiben. Noch am selben Abend ist das Hashtag “#Twitterverbot” geboren und Christian Moravcik sammelt fleißig Zuspruch in der Internetszene. Umgehend greifen die Augsburger Allgemeine (http://tinyurl.com/yzabtfu) und der Lokalsender Augsburg TV das Thema auf. Eine Mehrheit der Leser votiert in einer Internetumfrage für das Twittern aus dem Stadtrat. Ein CSU-Abgeordneter im Stadtrat, der selbst twittert, kritisiert per Tweet die Haltung seiner Partei und stärkt Moravcik demonstrativ den Rücken.

Man darf davon ausgehen, dass die Augsburger Lokalpolitiker keineswegs grundsätzlich verurteilen wollten, dass Lokalpolitiker gelegentlich Lokaljournalisten das eine oder andere Detail stecken, um die Agenda der Lokalpresse in der einen oder anderen Richtung zu beeinflussen – denn das gehört zum politischen Geschäft. Es war wohl eher der diesbezügliche qualitative Vorsprung Moravciks, der die Stadtväter in Aufregung versetzte. Man darf aber vor allem auch davon ausgehen, dass Christian Moravcik bei der Wählerschaft kräftig gepunktet hat.

Während der Mann in der Provinz, allein auf sich gestellt, alles richtig macht, zeigt ein Beispiel aus dem Zentrum der Macht, wie viele Fachleute und Berater der bundesdeutschen Kommunikationswelt ein verzerrtes Bild von Twitter haben. Dutzende von Kommunikations- und Internetexperten in Kanzleramt und Bundespresseamt sehen untätig zu, wie sich Maria Böhmer, immerhin Staatsministerin im Bundeskanzleramt, via Twitter bloßstellt. Ihren gut einhundert Followern, die größtenteils institutionelle Twitter-Broadcaster sind, sendet sie seit dem Wahlkampf zwei- bis dreimal im Monat belanglose Botschaften aus ihrer Gefühlswelt zu. Der einzige Account, dem sie selbst folgt, ist der eines gewissen Frank W. Steinmeier – mitnichten der Oppositionsführer im Deutschen Bundestag, sondern ein Fakeaccount eines der vielen Spaßvögel im Web2.0.

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