Wieso eigentlich finden sich wieder einmal so wenige ernsthafte Kritiker des Google-Konzerns? Bettina Wulff klagt gegen Googles Autovervollständigung bei Sucheingaben, weil ihr Name dort – aufgrund von haltlosen Gerüchten, denen Google-Nutzer nachgehen – automatisch mit Begriffen wie “Prostituierte” und “Escort” kombiniert wird. Was jedem Autor völlig zu Recht eine Beleidigungsklage einbringen würde, wird nun im Fall Google zur offenen rechtstheoretischen Fragestellung, die – ausgehend von Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung (https://polkomm.net/x/ode2t3) – alle möglichen Rechts-, Kommunikations- und Politik-Experten zu einer ergebnisoffenen Debatte einlädt, die sich dann zugunsten von Google äußern.

Wenn auch Ex-BamS-Chef und Ex-Wahlkampfberater Michael Spreng – als so ziemlich einziger Google-Kritiker – schimpft (https://polkomm.net/x/apf8u3), es “wäre ein zivilisatorischer Rückschritt, wenn es im Internet weiter erlaubt würde, die Regeln unseres Zusammenlebens außer Kraft zu setzen“, so ist der Tenor der meisten Beiträge: Google kann ja nichts dafür, wonach die User suchen und ist deshalb von Schuld, Haftung und Verantwortung freizusprechen.

So folgt, wie viele andere Kommentatoren, auch der Rechtsanwalt Thomas Stadler in seinem Blog Internet-Law der These von Google, der Suchmaschinenkonzern könne doch nichts für die Eingaben seiner User (https://polkomm.net/x/qgo9j5): “Denn bei der Auto-Complete-Funktion werden laut Google nur solche Ergänzungen vorgeschlagen, die bereits zuvor besonders häufig von den Nutzern verwendet worden sind. Es handelt sich also lediglich um eine automatisierte technische Suchhilfe. Hätte die Klage von Bettina Wulff Erfolg, dann würde Google wohl täglich mit der Aufforderung konfrontiert werden, die Anzeige irgendwelcher Ergänzungsvorschläge zu unterlassen und müsste die Funktion der Autovervollständigung deshalb wohl insgesamt abschalten.

In der Tat wird Google nicht zum ersten Male mit einer solchen Aufforderung konfrontiert. Aber das macht die Sache nicht besser:

In einem diskreten Vergleich mit französischen Menschenrechtsgruppen hat sich Google beispielsweise verpflichtet dafür zu sorgen, dass die Autovervollständigung nicht Personennamen um den Begriff “juif” (französisch für “jüdisch”) ergänzt und damit antisemitischen Tendenzen Vorschub leistet (https://polkomm.net/x/5rkaog).

Die verzweifelte Anfrage einer Schulleitung, die erreichen wollte, dass der Name ihrer Schule nicht von Google um den Begriff “Selbstmord” ergänzt wird, wurde im Google-Produktforum nicht etwa von Google selbst, sondern ausschließlich von anderen Usern beantwortet – selbstverständlich nur mit Achselzucken (https://polkomm.net/x/y3gja2).

Ebenso endete im gleichen Forum die Anfrage eines Touristik-Unternehmens, das seinen Namen ungern um den Begriff “Betrug” ergänzt sehen wollte (https://polkomm.net/x/e1h6sb).

Und ein Japaner verlor seinen Job und fand keinen neuen, weil die Google-Autovervollständigung bei der Suche seinen Namen um eine Reihe von schweren Straftatbeständen ergänzte – vermutlich wegen Namensgleichheit mit einem tatsächlichen Straftäter (https://polkomm.net/x/k2hjiu).

Geradezu erschreckend ist auch eine Anfrage im Google-Produktforum, die nahelegt, dass sich die Autovervollständigung leicht missbrauchen lässt: Demnach könnte Software die Rolle von echten Usern übernehmen und so die Vorschläge böswillig manipulieren (https://polkomm.net/x/6g59a6). Der Fragesteller vermutet, dass eine nicht genannte Person auf diese Weise von einem Cyber-Denunzianten in die Nähe zu Scientology gerückt werden soll.

Die Frage stellt sich bereits hier, welche Interessen (oder im Falle eines Gerichtsverfahrens: Rechtsgüter) gegeneinander abzuwägen wären: Darf eine anonyme Masse, die in keinster Weise auf Gegendarstellung, Unterlassung, Widerruf oder Schadenersatz verklagt werden kann und somit frei von rechtlicher Verantwortlichkeit agiert, Inhalte einer Suchmaschine bestimmen, die mit einem 90-prozentigen Marktanteil quasi Monopolist für den Zugang zu einem maßgeblichen Teil der Inhalte des gesamten Internets ist? Darf diese Masse also ein aus ihren atomisierten verleumderischen Abfragen automatisch zusammengesetztes, rufmordendes und existenzvernichtendes Ungeheuer generieren? Und das nur, weil die Suche dadurch manchmal etwas exakter oder bequemer wird? (Ganz nebenbei: Über den bescheidenen Nutzen kann man sich auf der Website www.autocompletefail.com ein Bild machen.)

Müsste nicht hier etwas Ähnliches gelten wie die so genannte Forenhaftung (https://polkomm.net/x/xddx15), nach der Betreiber von Communities spätestens ab Kenntnis von Rechtverletzungen in den Postings ihrer Nutzer ebenfalls haftbar gemacht werden können?

Einstweilen jedoch folgen – wie die veröffentlichte Meinung im Web – auch die deutschen Gerichte dem Mantra des Suchmaschinengiganten von der reinen Unschuld seines Algorithmus: “Google schlägt diese Begriffe nicht selbst vor – sämtliche in Autovervollständigung angezeigten Begriffe wurden zuvor von Google-Nutzern eingegeben“, wird Kay Oberbeck, Sprecher von Google Nord-Europa in der Süddeutschen Zeitung zitert. Google habe, so Overbeck in Bezug auf die Klage von Bettina Wulff, “in Deutschland bereits fünf ähnliche Verfahren geführt – jedesmal sind die Gerichte unserer Darstellung gefolgt und haben die Klagen abgewiesen“.

Doch es lohnt sich, wenn man sich die – angeblich “ohne menschliches Zutun” arbeitende (https://polkomm.net/x/cm0dhf) – Funktionsweise der Autovervollständigung einmal genauer ansieht: Sie ist zunächst einmal nicht nur ein einziger, sondern eine ganze Reihe von Algorithmen, aber – was wichtiger ist – in ihrem Zentrum steht eine Datenbank, in der die Sucheingaben gesammelt und Vorschläge modelliert werden.

Diese Datenbank (auf die die Google-User keinen direkten Zugriff haben, sondern die dem Internetkonzern gehört) wirft selbstverständlich nicht einfach alles aus, was Suchmaschinennutzer eingegeben haben. Wie ein findiger User herausfand, hat Google – offensichtlich aus Rücksicht auf Prüderie im Heimatland USA – bestimmte Begriffe mit sexuellem Kontext von der Autovervollständigung ausgenommen (https://polkomm.net/x/9mri4d). Diese Ausnahmen sind allerdings willkürlich. So ist beispielsweise das Wort “sex”, aber nicht der im vorliegenden Fall problematische Begriff “prostituierte” blockiert.

Auch in zweien der oben genannten Fälle hat Google die Autovervollständigung redaktionell optimiert: Sowohl eine Vervollständigung von Sucheingaben nach Personen mit dem Wort “juif” als auch eine Ergänzung des japanischen Klägers mit Straftatbeständen sind blockiert.

Ebenfalls ergänzt Google – nach eigener Aussage, um der Software- und Medienpiraterie entgegenzuwirken – Begriffe nicht mehr, die im Zusammenhang mit Filesharing stehen (https://polkomm.net/x/q4cvmc).

Doch nicht nur das Blockieren bestimmter Begriffe stellt eine redaktionelle Bearbeitung der von Nutzern getätigten Sucheingaben dar. Denn Google modelliert die angezeigten Vorschläge kontinuierlich im Hinblick auf deren zeitliche Abfolge. So heißt es in den Hilfetexten der Google-Website (https://polkomm.net/x/1erqm6): “Die Daten der automatischen Vervollständigung werden regelmäßig aktualisiert, sodass auch neue Suchbegriffe und Begriffe mit zunehmender Beliebtheit angeboten werden.

Es leuchtet ein, dass die Autovervollständigung des Namens “Bettina Wulff” jeweils unterschiedlich ausfallen würde, sofern man einmal die Sucheingaben weniger Tage als Datenbasis nähme und einmal jene aus den vier Jahren seit der Eheschließung mit dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff. Es dürfte naheliegen, dass die Brisanz der Autovervollständigung auch darin begründet liegt, dass sie versucht aktuell zu sein, anstatt beispielsweise das Leben einer Person in Gänze zu würdigen.

Der Einfluss des Google-Konzerns auf die Inhalte der Autovervollständigung ist also durchaus als groß anzusehen. Gerichte könnten Google daher beispielsweise dazu verurteilen,

[1] Namen generell nicht mehr in die Autovervollständigung nehmen (was bisher in Einzelfällen, wie etwa dem Fall in Japan, bereits geschieht),

[2] die Kombination von Namen mit Begriffen von verleumderischer Qualität generell zu unterbinden (ähnlich der bereits praktizierten Blockade von Begriffsgruppen mit sexuellem Kontext oder Bezug zu Filesharing),

[3] die Aktualität so herabzusetzen, dass Gerüchte es nicht leichter in die Autovervollständigung schaffen als etwa ihre öffentlichen Richtigstellungen und

[4] sie könnten analog zur Rechtsprechung bezüglich der Forenhaftung Google als Störer ansehen, der einzelne rechtswidrige Inhalte nach entsprechenden Hinweisen jeweils auch dann zu beseitigen hat, wenn er selbst nicht der Urheber ist.

Solche gerichtlichen Vorgaben wären mitnichten das Ende der Autovervollständigung, wie es der Medienjournalist Stefan Niggemeier unterstellt (https://polkomm.net/x/fq7i95). Denn Google hat ein weiteres probates Mittel zur Optimierung der Funktionalität selbst in der Hand – den PageRank, mit dem die Suchmaschine so erfolgreich geworden ist: Nicht nur Suchbegriffe gehen nämlich in die Algorithmen ein, sondern ebenso die Inhalte potenzieller Ergebnisseiten, wie Google auf seinen Hilfeseiten selbst darlegt (https://polkomm.net/x/1erqm6): “Während Ihrer Eingabe werden mithilfe des Google-Algorithmus basierend auf den Suchaktivitäten anderer Nutzer und auf Inhalten der von Google indexierten Webseiten Suchanfragen vervollständigt und angezeigt.

Es wäre also, wenn auch mit gewissem Mehraufwand, durchaus möglich, nur solche Suchwortkombinationen vorzuschlagen, für die es auch Suchergebisse gibt, deren Suchtreffer in der Gesamtheit Linkpopularität (hier: PageRank) erworben haben. Sprich: Entweder einige große Onlinemedien mit hohem PageRank haben Artikel mit der entsprechenden Suchwortkombination publiziert oder eine wirklich große Zahl kleinerer Sites, bei denen sich der PageRank entsprechend saldiert – anderenfalls wird eine von Usern häufig eingegebene Suchwortkombination nicht anderen Nutzern vorgeschlagen. Im vorliegenden Fall der Bettina Wulff wäre die Autovervollständigung dann unproblematisch ausgefallen, denn lange Zeit hatten nur zwei Blogger (mit geringem PageRank) entsprechende Gerüchte öffentlich kolportiert.

1 Kommentar zu
“Causa Wulff: Google is evil, not the users!”

  1. Maria das Dores

    Grundsätzlich ist das ganze Suggest Konzept sehr fraglich und eben nicht immer hilfreich weil es auch den Horizont des Suchenden einengt weil es Vorgaben gibt, die zu gerne genommen werden. So werden die Leute immer unkritischer.

    Dotted line

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