Der Begriff des Slacktivism fiel: Bescheidener Aktivismus von Drückebergern, englisch: slacker. Aber das trifft es nicht im Kern. Die Kampagne Kony 2012 (www.kony2012.com) ist politische Online-Kommunikation zum Gruseln. Wenn man es politisch sieht. Aber ein Lehrstück, wenn man spin doctor im Web werden möchte.

Es steht völlig außer Zweifel, man muss des Warlords Joseph Kony endlich habhaft werden und ihn gemäß des 2005 ausgestellten Haftbefehls (http://polkomm.net/x/is21q2) vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag bringen.

Aber: Der größte Aktenzeichen-XY-Fall der Weltgeschichte, dessen Fahndungsvideo innerhalb weniger Tage über 100 Millionen Mal auf den Videoplattformen von Youtube und Vimeo angeschaut wurde (http://polkomm.net/x/vzlds1), ist vor allem politisch erstaunlich unkorrekte Agitation – so politically incorrect, dass die hohe Zahl an Unterstützern der Kampagne verwundern müsste.

Müssten die Unterstützer nicht innehalten, wüssten sie um das Ende des ugandischen Bürgerkrieges mit seinen Kinderarmeen bereits vor drei Jahren – und dass der Film auf die Zeit davor fokussiert, während Kony sich jetzt mit wenigen Getreuen, einem kleinen Rest seiner früher nach Tausenden zählenden Lord’s Resistance Army (LRA), außerhalb Ugandas im Dschungel versteckt? Könnten die User wirklich das Video an ihre Freunde, Bekannten und Kollegen weiterverbreiten, würden sie zur Kenntnis nehmen, dass die afrikanische Netzöffentlichkeit die Kampagne überhaupt nicht als hilfreich empfindet, sondern eher als Fortsetzung kolonialistischer Überheblichkeit (wie die New York Times dokumentiert, siehe http://polkomm.net/x/61bsck)? Würden sie sich wirklich gemein machen wollen mit einer Sache, die die ugandische Journalistin und preisgekrönte Bloggerin Rosebell Kagumire in wenigen Sätzen als nutzlos entlarvt?

Dies ist ein weiteres Video“, sagt Kagumire auf Youtube (http://polkomm.net/x/9llvu5), “in dem wir Außenstehende sehen, die zum Helden werden möchten, indem sie afrikanische Kinder retten. Wir haben diese Storys oft gesehen, in Äthiopien oder, wenn Prominente nach Somalia kamen, aber das, so weiß man, beendet nicht das Problem. Ich denke, wir brauchen ein Art gesunder, intelligenter Kampagnen, die auf politische Veränderungen ausgerichtet sind – und nicht eine hochgeputschte Story, die nur darauf aus ist, die Leute zum Weinen zu bringen, und am Ende des Tages wieder vergessen wird.

Eigentlich müsste das Klicken auf ein Video längst aufgehört haben, von dem Payam Akhavan, ehemals Berater des Chefanklägers am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, eben jenem Gericht, das nach Kony suchen lässt, sagt: “Schaut man es an, gewinnt man den Eindruck, dass keiner der Filmemacher sich je mit der Angelegenheit befasst hat, bevor man daran ging den Film zu machen” (http://polkomm.net/x/js926k).

Und sind sich die millionenfach klickenden User eigentlich bewusst, dass die Kampagne Kony 2012 als ihren bisher größten Erfolg feiert US-Präsident Barack Obama zur Entsendung von 100 schwerbewaffneten, so genannten Militärberatern bewegt zu haben, obwohl die Vereinigten Staaten von Amerika sich der Ratifizierung der Statuten des Internationalen Strafgerichtshof entzogen haben? Kennen die User die Formulierung, derer sich Barack Obama bediente, als er die Soldaten im letzten Oktober nach Afrika schickte?

Ich habe eine kleine Anzahl gefechtsbereiter Soldaten dazu autorisiert ins zentrale Afrika auszuschwärmen, um den regionalen Truppen Unterstützung zu leisten, die daran arbeiten Joseph Kony vom Schlachtfeld zu entfernen“, so formulierte der US-Präsident das Ziel der Mission – ohne den von den USA nicht anerkannten und unterstützten Internationalen Strafgerichtshof auch nur im Entferntesten zu erwähnen (http://polkomm.net/x/e5hgh0).

Es dürfte zumindest anzunehmen sein, dass viele der wie wild “re-postenden” und “teilenden” Social-Web-User eigentlich eine andere Vorstellung davon haben, wie die internationale Strafgerichtsbarkeit funktionieren sollte, als die offizielle US-amerikanische Politik.

Und nicht zuletzt: Müssten die unzähligen Verbreiter des Videos nicht sehr vorsichtig sein – als Atome der “Schwarmintelligenz”, die nunmehr ein gewaltiges Spendenaufkommen in ganz andere Bahnen lenkt? Im Blog netzwertig.com bringt es Martin Weigert auf den Punkt: “Wer einen in puncto Qualität und Dramaturgie an eine Hollywood-Produktion heranreichenden Spendenaufruf in Videoform einer bisher weitgehend unbekannten Hilfsorganisation weiterempfiehlt, ohne sich zumindest kurz bei externen Quellen über die Macher und den im Film dargestellten Sachverhalt zu informieren, handelt verantwortungslos. Nur sind sich viele dieser neuen Verantwortung gar nicht bewusst” (http://polkomm.net/x/ukqdfv).

Dennoch: Die 30 Dollar teuren “Kony2012-Kits” mit ein bisschen PR-Material zur Kampagne sind längst ausverkauft, Online-Spenden, vermutlich in gewaltiger Höhe, sind verbucht. Und alles von einer NGO, von der die meisten bisher nie gehört haben dürften. Von einem “Spendensammel-Trick” sprach deshalb unverblümt der in den USA lebende ugandische Social-Media-Experte Teddy Ruge (http://polkomm.net/x/s8k3l8).

Es gibt also viele Gründe das Video nicht weiterzuverbreiten. Aber warum dann dieser Erfolg?

Gerade die inhaltlichen Mängel der Kampagne erhellen deren handwerklichen Stärken.

Schritt 1: Ein funktionierendes Netzwerk ist Voraussetzung

Die NGO hinter der Kampagne, Invisible Children, ist seit etwa acht Jahren aktiv. Die Organisation hat über Jahre ein Netzwerk an Helfern aufgebaut, das überwiegend im Bereich der Altersgruppe zwischen 13 und 24 Jahren der weißen, gebildeten Mittelschicht der USA angesiedelt ist – digital natives, die den Umgang mit Facebook und Twitter blind beherrschen. Das US-amerikanische Blog SocialFlow hat die kaskadierende Weiterleitung der Twitterbotschaften über das Video untersucht und kam zu dem Ergebnis: “Unsere Daten zeigen dichte Cluster von Aktivität, die essentiell für die Verbreitung der Botschaft waren: Netzwerke junger Leute, die Invisible Children über Jahre über die gesamten USA hinweg kultiviert hatte. Als Invisible Children das Video promoten wollte, war das Auslösen dieser Unterstützung von der Basis ausschlaggebend” (http://polkomm.net/x/wzvjzh).

Es ist immer wieder Merkmal, das erfolgreiche von erfolglosen Kampagnen unterscheidet: Die Reichweite beim Start ist letztlich ein gewissermaßen arithmetischer Erfolgfaktor, denn sofern man eine Botschaft zu Beginn einer Kampagne von Tausenden Mitgliedern eines eigenen, bereits bestehenden Netzwerkes verbreiten lassen kann, ist der Druck tendenziell auch tausendfach höher als ohne ein solches Netzwerk. Was von vielen politischen Akteuren immer wieder übersehen wird, ist, dass man ein solches Netzwerk vorbereiten kann – auch ohne den politischen Ernstfall, in dem man es später vielleicht einsetzen muss.

Schritt 2: Die Zielgruppe muss suggestiv angesprochen werden

Jason Russell, Gründer von Invisible Children und zugleich Macher des erfolgreichen Videos, ist Absolvent der Filmschule der University of Southern California in Los Angeles, wenige Kilometer entfernt von Hollywood. Der erklärte Bewunderer Steven Spielbergs beherrscht die filmische Erzählkunst, das Spiel mit Illusion und Emotion, ausgesprochen gut.

Sein Film beginnt Hollywood-typisch mit einem Blick aus dem All auf die Erde und einem Zitat, das – wenn es auch von Victor Hugo geklaut ist – dem Betrachter von Beginn an klar macht, dass er von nun an nur die Wahl hat dabei zu sein oder aber eine historische Chance zu verschlafen: “Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

Die beschwörenden Formeln, oft nahe an der Gehirnwäsche, ziehen sich durch den Film: “Wir formen menschliche Geschichte!” Oder: “Die bessere Welt, die wir wollen, wird kommen!” Zu solchen Thesen jubeln hunderte von Aktivisten der Kampagne, nun Darsteller im Video, wie gleichgeschaltet in die Kamera. Und alles wechselt sich ab mit dem um seinen getöteten Bruder weinenden ehemaligen Kindersoldat Jacob, der irgendwann sagt, dass er sterben möchte, weil er mit dem toten Bruder anders nicht wiedervereint sein kann.

Dann folgt ein Kniff, der die Wahrheit mit Füßen tritt, aber wichtig ist. Auf einen langsamen Schwenk über die Kriegsverbrecherfahndungsliste des Internationalen Strafgerichtshofs, von weit unten bis ganz nach oben, sagt der Sprecher: “Obwohl es auf der Welt viele Warlords, Mörder und Diktatoren gibt, hat die Perversion seiner kriminellen Taten Kony zum Ersten auf der Liste gemacht.

Das ist falsch. Die Liste ist chronologisch und es war zufälligerweise Joseph Kony, der als erster Verdächtiger kurz nach Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs auf die Fahndungsliste kam (http://polkomm.net/x/fv7tgd). Dies hat nichts mit der Schwere der ihm vorgeworfenen Taten oder der Dringlichkeit seiner Verhaftung zu tun.

Doch auch in der Broschüre zur Kampagne Kony 2012 heißt es wahrheitswidrig: “Joseph Kony ist bekannt als der schlimmste Kriegsverbrecher der Welt.

Der Superlativ bereitet das Finale dramaturgisch stringent vor: In den letzten Szenen sieht man Adolf Hitler, sieht man Leichenberge, man sieht die Totenschädel der Gedenkstätte für die Opfer der Roten Khmer – und die sonore Stimme des Sprechers mahnt: “Zu oft unternahmen wir nichts. Wenn wir das ändern wollen, müssen wir irgendwo anfangen. Also beginnen wir hier – …“, die Kamera schwenkt erneut die Fahndungsliste hinauf an die erste Stelle, “…mit Joseph Kony. Denn wir wissen jetzt, was zu tun ist.

Danach erfährt der Zuschauer, was er tun kann: Vor allem das Video “teilen”, das Kony2012-Kit bestellen und Geld spenden. Ach, und noch eine Kleinigkeit: Mit einem vorbereiteten Tool Prominente auf die Aktion aufmerksam machen.

Schritt 3: Prominente zur Unterstützung drängen

Teil der Kampagne ist eine Art Messaging-System, wie sie derzeit zunehmend in politischen Kampagnen eingesetzt werden, um durch massenhaftes Anschreiben öffentlichen Druck auf Politiker zu erzeugen (wie es beispielsweise auch US-Präsident Obama in seiner Kampagne “Tweet for Jobs” genutzt hat, siehe: http://polkomm.net/x/uq1tpo). Solche Online-Systeme erlauben es Usern mit wenigen Mausklicks Politiker per Mail, Twitter, Facebook oder auf anderem digitalen Wege zu kontaktieren und zu einer bestimmten politischen Haltung aufzufordern.

In diesem Fall war das System jedoch geradezu perfide gestaltet, denn es hat zwei verschiedene Zielgruppen: Politiker und – was in diesem Falle wichtiger war – Prominente.

Vielleicht liegt es daran, dass Jason Russell seit vielen Jahren mit US-Talkmasterin Oprah Winfrey bekannt ist, die einfach gestrickte, menschelnde Storys liebt (http://polkomm.net/x/22k6av und http://polkomm.net/x/fa12wl). Jedenfalls hat die NGO Invisible Children erkannt, wie leicht man manchen Prominenten in eine Kampagne einspannen kann.

Das Video der Kony-2120-Kampagne fordert die Zuschauer auf, die auf der Kampagnenwebsite angezeigten Bilder von zwanzig US-amerikanischen Prominenten anzuklicken – an erster Stelle Oprah Winfrey, dann Mark Zuckerberg, George Clooney, Lady Gaga, Angelina Jolie, Justin Bieber, Rihana und andere. Tut man das und ist aktiver Twitternutzer, genügt ein weiterer Mausklick und man sendet dem angeklickten Star eine Twitternachricht. In diesem Falle lautete sie: “Helfen Sie uns die Gewalt der Lord’s Resistance Army zu beenden. Besuchen Sie kony2012.com, um herauszufinden wie und warum. Machen Sie mit bei #Kony2012.

Das Kalkül: Die gelisteten “Kulturschaffenden” (wie sie auf der Website bezeichnet werden) verfügen über gigantische Heerscharen von Followern. Oprah Winfrey folgen 10 Millionen Menschen, Lady Gaga 21 Millionen, Justin Bieber 18 Millionen, Rihanna 15 Millionen und in solchen Größenordnungen geht es weiter.

Über eine Auswertung der Erwähnungen der Promi-Usernamen im globalen Twitterstream lässt sich zurückverfolgen, wie oft die Videozuschauer ihre Celebs in etwa kontaktiert haben müssen: Ellen Degeneres, Moderatorin einer TV-Show, erhielt demzufolge 36.000 Aufforderungen zur Unterstützung der Kampagne, Justin Bieber ebenfalls 36.000, Lady Gaga 28.000 und bei den anderen werden die Zahlen ähnlich gelegen haben (http://polkomm.net/x/wzvjzh und http://polkomm.net/x/d19vf6).

Die Taktik ging auf, neun der zwanzig Prominenten unterstützen die Kampagne, indem Sie selbst via Twitter darauf hinwiesen.

Oprah Winfrey twitterte an 10 Millionen Menschen (http://polkomm.net/x/ekx2dc): “Danke, liebe Twitterer, dass Ihr mir Infos zur Beendigung der LRA-Gewalt zugesandt habt. Ich bin gewärtig. Ich habe die Sache mit Dollars und meiner Stimme unterstützt und werde nicht aufhören. #KONY2012“.

TV-Moderator Ryan Seacrest schrieb seinen 6 Millionen Followern und auch noch gleich einer knappen halben Million Facebook-Fans (http://polkomm.net/x/1o3nka): “Ich sah Eure Tweets über #StopKony vor dem Zubettgehen, sah es mir im Bett an und es hat mich umgehauen. Wenn Ihr es noch nicht gesehen habt: http://on.fb.me/zClYoj“.

Justin Bieber forderte seine 18 Millionen Getreuen auf: “Es ist Zeit, ihn bekannt zu machen. Ich rufe ALLE MEINE FANS, FREUNDE und meine FAMILIE auf, vereint Euch und #STOPKONY – http://youtu.be/Y4MnpzG5Sqc“.

Während Lady Gaga, Jay-Z und Stephen Colbert sich dazu entschieden die Kampagne nicht zu unterstützen, sprangen gleichzeitig weitere Sternchen, die gar nicht zu den 20 ursprünglich auf der Website gelisteten Prominenten gehörten, auf den fahrenden Zug auf und beschleunigten ihn weiter – wie etwa Nicole Richie und die Kardashian Sisters, alle ebenfalls mit Millionen Followern (http://polkomm.net/x/mtn5o6).

Die Weiterleitungslawine rollte – und das Hashtag #StopKony wurde in der Spitze 12.000 Mal pro Minute (!) getwittert.

Fazit

Die Kampagne zeigt vor allem eines: Das millionenfache Re-Posting in Echtzeit hat mit politischem Diskurs wenig zu tun. Weder kann eine sich rasend verbreitende Botschaft noch wesentlich modifiziert werden, noch gehen kritische Stimmen in die Lawine der Re-Postings in relevantem Maße ein. Vor allem der zeitliche Vorsprung, der sich mit einer geschickt konstruierten Netzwerkstruktur erzielen lässt, kann das Fehlen von Legitimation und zugleich von Legitimität somit erfolgreich verschleiern. Jedenfalls solange legitimiertere politische Akteure nicht über ein ebenbürtiges Netzwerk verfügen.

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