Man durfte durchaus gespannt sein, was da an Innovationen kommen würde, als bekannt wurde, dass ein Konsortium aus drei schwergewichtigen Agenturen die Webauftritte der Bundesregierung überarbeiten würden. Materna, Aperto und Babiel hatten im Mai den Auftrag erhalten alle 26 Websites der Bundesregierung mit zusammen 460.000 Dokumenten zu relaunchen.

Im Januar gingen die überarbeiteten Portale online – und alle Hoffnungen auf einen großen Wurf dahin.

Von einem “Prinzip des Mobile First” sprach der frühere Google-Boss Eric Schmidt bereits vor genau zwei Jahren (Video: http://polkomm.net/x/gpdd9j, Artikel: http://polkomm.net/x/f3y617): “Unsere Programmierer erledigen ihre Arbeit an Mobilem zuerst.” Denn mobile Endgeräte sind auf dem Vormarsch wie ehedem das Social Web, die Rezeptionsgewohnheiten verändern wieder einmal mit rasender Geschwindigkeit. Bei knapp 9 Prozent liegt der Anteil mobiler Endgeräte am Web-Traffic im Moment (http://polkomm.net/x/zekly0), rund jedes elfte Internetdokument wird mithin bereits von einem Smartphone oder Tablet PC abgerufen. Und dieser Wert steigt rasant: Vor weniger als einem Jahr hatte der Anteil noch unter 4 Prozent gelegen. Im September ermittelte eine Studie zudem einen Wachstumszuwachs mobiler Endgeräte in Sozialen Netzwerken von 62 Prozent (http://polkomm.net/x/1ua7zn).

Die Sites der Bundesregierung sind jedoch auch nach dem Relaunch nur für stationäre Webbrowser programmiert. Auch dass – entgegen Schmidts Prinzip – in Bälde eine Mobilversion wenigstens noch nachgeschoben wird, ist nicht wahrscheinlich, wenn man die Presseerklärung zum Relaunch beim Wort nimmt: „Die drei Unternehmen haben die 460.000 Seiten von Bundesregierung.de und weiterer 25 Webseiten, darunter auch das Journalistenportal Cvd.bundesregierung.de wie auch die Webseiten Bundeskanzlerin.de , Regierenkapieren.de und Kulturstaatsminister.de technisch, gestalterisch und funktionell auf den neuesten Stand gebracht und das Hosting übernommen.

Technisch sind die zentralen Websites der Bundesregierung ohne Mobilversion in keinster Weise auf dem neusten Stand. Wer sich mit dem Smartphone auf bundesregierung.de über die politische Arbeit an der Spitze des Staates informieren möchte, muss erst einmal knapp 3,5 MB Daten herunterladen (Stand: 5. Februar) und dann kommt er wegen der fehlenden Anpassung der Website an Smartphone-Displays aus dem Scrollen nicht mehr heraus. Wer – um dem zu entgehen – auf die Idee kommt die Website über den RSS-Feed zu erkunden, scheitert wahrscheinlich erneut: Im HTML-Code ist eine entsprechende Deklaration von RSS-Feeds ausgelassen worden, so dass jeder auto-discovery-fähige Smartphone-Browser oder -RSS-Reader – und RSS-auto-discovery ist von iPhone bis Nokia Standard – fälschlicherweise anzeigt, es gebe kein RSS auf bundesregierung.de (siehe dazu auch: http://polkomm.net/x/pusl85).

Auch wenn RSS – sozusagen als Schlüsselfunktion für die Verbreitung von Regierungsnachrichten ins Echtzeit-Web – beim Relaunch hohe Priorität genossen zu haben scheint: Viele User werden beim Abonnieren der angebotenen Feeds aufgrund massiver Mängel in der Usability scheitern. Gelangt man nämlich über eines der RSS-Symbole, die entgegen dem Webstandard nicht orange, sondern grau angezeigt werden, auf die zentrale RSS-Seite (http://polkomm.net/x/8pdff8), findet man dort im Fließtext nur Erläuterungen dazu, wie RSS funktioniert und welche RSS-Reader man nutzen kann. Die eigentlichen Links zu den drei RSS-Feeds sind abseits in der rechten Randspalte angesiedelt – ohne RSS-Symbol, so dass man die Links nicht als RSS-URLs erkennt, sondern für gewöhnliche Teaser hält, die auf andere Seiten verweisen.

Gerade bei so versteckten RSS-Feeds wird sich auch bei Desktop-PC-Usern rächen, dass die Deklaration im HTML fehlt, denn die Mehrheit aller Browser, darunter Microsofts Internet Explorer, Firefox, Safari und Opera, beherrschen Auto-Discovery und gaukeln dem User somit ebenfalls vor, dass auf bundesregierung.de und bundeskanzlerin.de kein RSS-Feed existiere.

Neben den technischen Mängeln der Umsetzung zeigt sich an der RSS-Funktionen vor allem aber auch ein enormes Defizit an strategischer Konzeption: Darf man wirklich davon ausgehen, dass sich alle Besucher gleichermaßen für alle Themen interessieren? Dass sie alle mit den drei Feeds “Zusammenstellung von Pressemitteilungen, Artikeln, Reden, Interviews und Regierungserklärungen”, “Zusammenstellung der aktuellsten Pressemitteilungen” und “Zusammenstellung der aktuellsten Artikel” adäquat bedient werden? Dass, wer sich für die Arbeit des Kultustaatssekretärs interessiert, auch informiert sein möchte, was auf der Münchner Sicherheitskonferenz passiert, gleichzeitig Hilfestellungen in Sachen häusliche Pflege wünscht sowie beim Thema Cyberangriffe auf dem Laufenden bleiben will? Ganz sicherlich nicht! Dennoch hat man keinerlei Anstrengungen unternommen, dass RSS-Abonnenten sich themenspezifisch informieren können.

Weder gibt es – wie es bei Nachrichtenportalen längst Standard ist – themenspezifische Feeds, noch wird die in der RSS-Spezifikation vorgesehene Möglichkeit genutzt, die einzelnen RSS-Meldungen in Kategorien einzuordnen, so dass RSS-Reader und –Aggregatoren die Nachrichten nach benutzerspezifischen Interessen selektieren können. Es liegt auf der Hand, dass für viele potenzielle Subskribenten die Zwangsversorgung mit der Gesamtheit der Themen unattraktiv ist. Und es liegt ebenso auf der Hand, dass man sich im Bundespresseamt und bei den beteiligten Agenturen wenig Gedanken gemacht hat, wie man die Nutzung der RSS-Feeds für möglichst viele Nutzer attraktiv machen kann.

Es passt dazu, dass in den RSS-Feeds – entgegen aller Gepflogenheit – kein Datum zum Veröffentlichungszeitpunkt der einzelnen Meldungen angegeben wird. Im Nachrichtengeschäft ist so etwas schon geradezu ein Affront gegenüber dem Leser, aber beim RSS kommt ein Problem dazu: RSS-Reader fassen üblicherweise verschiedene Feeds zusammen und sotieren die Gesamtheit der Meldungen dabei chronologisch. Die RSS-Feeds der Bundesregierung eigenen sich dazu jedoch nicht, sie bringen jeden aus den RSS-Feeds mehrerer Websites zusammengefassten Gesamtfeed in heftige chronologische Unordnung.

Aber nicht nur die RSS-Funktionalität der Websites bundesregierung.de und bundeskanzlerin.de wurde mangelhaft implementiert – für die Social-Media-Funktionen gilt das leider auch.

Schon der Wortlaut der Pressemitteilung zum Relaunch ist annähernd Real-Satire: „Die neue Website der Bundesregierung betont konsequent die Dialogorientierung und den Wunsch, unmittelbar mit den Nutzern in Kontakt zu treten – alle Verknüpfungen zu den Social-Media-Angeboten der Bundesregierung finden sich nun gebündelt auf der Startseite.

Auf der Startseite? Ja, die Social-Media-Angebote der Bundesregierung – wie etwa der Youtube-Channel und der Twitter-Account des Regierungssprechers – werden auf der Startseite beworben. Aber mehr auch nicht! Es mag noch angehen, dass “Dialogorientierung” und der “Wunsch, unmittelbar mit den Nutzern in Kontakt zu treten” Worthülsen sind, weil natürlich die Bundesregierung nicht über kommunikative Ressourcen verfügt, die es erlauben würden mit jedermann munter Dialog zu betreiben. Aber Soziale Netzwerke bergen ja nicht nur die Gefahr zu vieler Dialoganfragen, Soziale Netzwerke sind vor allem auch Medium zur Nachrichtenverbreitung mit zunehmender Bedeutung. Die Mitglieder der Communities können Inhalte mit ein, zwei Mausklicks an ihre sämtlichen Kontakte weiterleiten. Inhalte, die die Community interessant genug findet, erreichen so schnell eine gewaltige Rezipientenschar – weshalb kaum eine Website heute noch auf Social-Media-Buttons, wie den “Like”-Button von Facebook und den “+1”-Button von Google verzichtet.

Die Websites bundesregierung.de und bundeskanzlerin.de jedoch tun das. Sie verzichten damit zum einen auf die Erinnerungsfunktion der Social-Media-Buttons, die dem User einen Wink zum “Teilen” gibt. Sie verzichten damit zum anderen aber auch auf die Usability, denn statt ein oder zwei Mausklicks muss man nunmehr zum “Teilen” eines Dokuments der Regierungs-Sites den langen URL aus der Adresszeile des Browser kopieren, die Website seines Soziales Netzwerkes öffnen und den URL dort posten. Das mag nicht jedem User gleich zu umständlich sein, aber vielen schon – und setzt daher definitiv die Reichweite der Regierungsbotschaften herab.

Es ist übrigens kaum ein Argument, wenn die Bundesregierung in Sachen Datenschutz besonders vorsichtig zu sein beabsichtigt: Weder wäre sie gezwungen die umstrittenen so genannten Plug-Ins zu nutzen, die Daten des Besuchers im Hintergrund an Dritte, nämlich die Sozialen Netzwerke übertragen, noch wäre die einzige Alternative eine von Datenschützern teilweise ebenfalls abgelehnte Zwei-Button-Lösung (http://polkomm.net/x/9lef9g). Denn immerhin gibt es noch die Parameter-Lösung, bei der der Link zu einer empfohlenen Seite erst in jenem Moment zu einem Sozialen Netzwerk weitergeleitet wird, in dem der User dies bewusst akzeptiert und zugleich die Seite selbst aufruft. Ein Beispiel dafür ist:

http://facebook.com/share.php?u=http%3A%2F%2Fpolkomm.net…

Diese Technik ist bereits etwas älter als Facebook selbst und stammt aus der frühen Zeit des Social Bookmarkings (weitere Beispiele unter http://polkomm.net/x/8xq3wf). Dagegen hatten Datenschützer einst nichts einzuwenden – obwohl eine ansehnliche Anzahl solcher Links, jeweils unter entsprechende Logos der Ziel-Websites gelegt, nahezu jede nachrichtlich orientierte Website schmückten.

Aber ist es wirklich die Problematik des Datenschutzes, die Social-Media-Funktionen von den Sites der Bundesregierung verbannt? Dass das Bundespresseamt und seine Agenturen der Verbreitung ihrer Botschaften via Social Media von Anfang an keine Bedeutung beigemessen haben, zeigt ein anderes Beispiel: Videos werden nicht auf Servern Sozialer Netzwerke gehostet, wie etwa bei Youtube, sondern auf den Servern der Bundesregierung. Zugleich fehlt der in Sozialen Netzwerken übliche Code zum Einbetten von Videos in Webseiten (siehe dazu auch http://polkomm.net/x/qidfyy), so dass es praktisch unmöglich ist einen Videobeitrag wie „Ziel ist ein stabiler Euro“ vom 26. Januar (http://polkomm.net/x/sl4kqi) über Facebook oder andere Communities ohne Umwege an Freunde weiter zu verbreiten (zumal der genannte Beitrag, wie übrigens die meisten der Videos von bundesregierung.de und bundeskanzlerin.de, auch nicht auf dem Youtube-Channel der Bundesregierung veröffentlicht ist).

Entschließt man sich dazu, den URL der HTML-Seite mit dem Video zur Euro-Stabilität in das Eingabefeld von Facebook zu kopieren, dann ist hernach – sofern man nicht selbst etwas Zusätzliches eintippt – im eigenen Facebook-Status zwar ein kurzer Text mit einem kleinen Foto (und nicht etwa einem Videostandbild mit Startsymbol) zu sehen, aber nichts weist etwas darauf hin, dass der Text ein Vorsetzer zu einem 30-minütigen Video ist (http://polkomm.net/x/2ebuyv). Solch ungeschickter Umgang mit Header-Angaben für Social-Media-Postings (es fehlt das Tag image_src) ist nur eines von etlichen Beispielen handwerklich-technischer Schwächen der neuen Sites.

Die neuen Regierungssites ignorieren jedoch nicht nur die Trends von Mobile Web, Echtzeit-Web und Social Web: Selbst mit den Entwicklungen im Web 1.0, selbst mit Strukturierung und Gestaltung der Websites selbst, zeigt sich das Großprojekt deutlich überfordert.

Bei dem gesamten Umgang mit Themen und entsprechenden Funktionen für zielgruppenspezifische Funktionalitäten sind die Sites völlig unzulänglich aufgebaut. Die Hauptmenüs mit den Bestandteilen “Bundeskanzlerin”, “Bundesregierung”, “Themen”, “Nachrichten” und “Service” auf bundesregierung.de und mit “Start”, “Aktuell”, “Angela Merkel”, “Kanzleramt” und “Unterwegs” auf bundeskanzlerin.de belegen die ganze Ratloskeit der Macher im Umgang mit der hohen Zahl an Themen, die Regierungspolitik nun einmal ausmachen. Haben die Nachrichten denn keine Themen?, könnte man sich fragen, wenn man bundesregierung.de mit einem bestimmten Interesse besucht und sich fragt, wo man zuerst klicken soll. Und was soll “Service” sein? Müsste nicht vielleicht die ganze Site unter dieser Rubrik stehen oder ist Service auf bundesregierung.de eher nachrangig? Klickt man schließlich auf “Themen”, bekommt man gerade einmal zehn Themenkomplexe angeboten – einen Bruchteil der tatsächlich relevanten Themen. Für die meisten Websitebesucher, die über die Homepage auf die Website kommen, wird die Suche nach einem Thema vermutlich schwierig.

Ist man hingegen via Suchmaschine auf die oben erwähnte Seite von bundeskanzlerin.de mit dem Video “Ziel ist ein stabiler Euro” gelangt, so gibt es einen einzigen weiterführenden Link unter der Überschrift “Kontext”, nämlich die “Pressestatements von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem Ministerpräsidenten des Königreichs Spanien, Mariano Rajoy”. Einen Link zum Themenkomplex “Euro” auf bundesregierung.de sucht man auf der Seite vergeblich.

Auf beiden Websites werden gelegentlich Links in einem am Rand stehenden Feld mit dem lustlosen Titel “Kontext” angeboten, aber ganz offensichtlich sind diese Links redaktionell erstellt und daher von sporadischem Charakter. Die Gesamtheit eines Themengebietes erschließt sich über sie nicht.

Auf ein Tagging (eine Verschlagwortung), jedenfalls auf ein nach außen erkennbares, mit dem Benutzer sich einen Gesamtüberblick zu einem Thema verschaffen können, hat man verzichtet. Dabei machen viele Nachrichtenseiten im Web vor, wie effizient man die User mit einem über Tagging gesteuerten Teaser-Block mit verwandten Themen jeweils unterhalb eines Artikels zum Weiterlesen bringen kann.

Die Konsequenz ist, dass man Regierungspolitik zu einem bestimmten Themengebiet über die vielfältigen Selektions- und Filtermöglichkeiten unzähliger Newsportale effizienter verfolgen kann als über die Sites der Bundesregierung selbst. Damit hat der Relaunch eine – aus Sicht der Bundesregierung – große Chance vertan.

Wie plant man eine Website? Man spielt wahrscheinliche oder beabsichtigte Anwendungsfälle durch (so genannte use cases):

Ein Familienvater mit Interesse an Familienpolitik gibt bundesregierung.de in den Browser ein – wo soll er klicken? Unter “Themen” findet er zu seinem Anliegen nichts, unter “Nachrichten” kann er zwischen “Artikeln”, “Pressemitteilungen” und anderen für ihn sinnlosen Medientypen wählen. Ihm bleibt nur die Volltextsuche, die jedoch an den ersten drei Positionen Texte mit dem Schwerpunkt Eurokrise listet, in denen das Wort “Familienpolitik” nur beiläufig auftaucht – denn die Suchfunktion kennt keine Relevanzparameter.

Ein besorgter Steuerzahler googelt “Europäischer Rat Fiskalpakt Bundeskanzlerin”, findet an dritter Stelle der Trefferliste die bereits erwähnte Seite auf bundeskanzlerin.de mit dem Video “Ziel ist ein stabiler Euro” – und klickt sich danach zwecks weiterer Infos zur Suchmaschine Google zurück, weil weiterführende Links zum Thema Euro auf bundeskanzlerin.de nicht angeboten werden.

Ein in einer politischen Partei auf regionaler Ebene engagierter Bürger möchte das Sachgebiet mitverfolgen, in dem er selbst aktiv ist, beispielsweise die Bildungspolitik; er kann zwar Newsletter oder RSS abonnieren, müsste sich aber jeweils durch die gesamte Bundespolitik kämpfen, nur um die Bildungspolitik zu verfolgen.

Keiner dieser durchaus als typisch anzunehmenden Anwendungsfälle ist hinreichend berücksichtigt und gelöst – insbesondere auch deshalb, weil man systematisch auf die Möglichkeit individualisierten Content anzubieten verzichtet hat.

Schaut man sich die Websites daraufhin an, wird man es schwer haben überhaupt einen plausiblen Anwendungsfall zu finden, auf den die Websites gut vorbereitet sind. Mit einer Ausnahme: Für Journalisten gibt es einen eigenen geschlossenen Bereich – mit den Bedürfnissen der “klassischen” Medien kennt man sich im Bundespresseamt offensichtlich besser aus.

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