Wir können alles – außer Websites

31. Oktober 2011    |    Autor: Ralf-Thomas Hillebrand

Wie man ein großes Websiteprojekt keinesfalls angehen sollte, zeigt seit geraumer Zeit die thüringische Landesregierung mit ihrer Webpräsenz www.thueringen.de. Seit über zwei Jahren “werkelt” Regierungssprecher Peter Zimmermann an einem Relaunch der altbackenen Website, weiß die Thüringer Allgemeine zu berichten (http://polkomm.net/x/shjylu).

Zimmermann möchte, dass die Website künftig “nicht nur die Pressemitteilungen der Regierung” zeigt, wie der Bericht erläutert, sondern auch Informationen zum aktuellen Wetter im Bundesland, zum minutengenauen Börsenwert von heimischen Unternehmen, zu einem landesweiten Veranstaltungskalender sowie Verkehrsmeldungen bis hin zu frischen Blitzer-Meldungen der Landespolizei. Er wolle “den Nutzwert für den Besucher unserer Seiten erhöhen“, zitiert die Zeitung Zimmermann (http://polkomm.net/x/tztdwo).

Beamte des Kultusministeriums forderten dem Zeitungsbericht zufolge jedoch, dass die Ressorts auch in Zukunft weiterhin für ihre Politik werben können. Extra-Angebote wie Wetter, Börse oder Staumelder müssten dahinter zurücktreten.

Das Erstaunlichste an solchem argumentativen Hin und Her ist, dass es erst jetzt stattfindet. Oder auch: jetzt noch.

Denn eigentlich sollte die Website längst im neuen Outfit online gegangen sein. Noch im Sommer hatte Regierungssprecher Zimmermann den Herbst als Starttermin genannt. Nun jedoch, so bestätigte die Staatskanzlei vor einigen Tagen der Thüringer Allgemeinen, ist klar, dass noch nicht einmal alle Gespräche auf Staatssekretärsebene darüber geführt worden sind, welche Inhalte aus den einzelnen Ministerien thueringen.de künftig zeigen soll (http://polkomm.net/x/shjylu) – und das nach zwei Jahren Vorarbeit.

Es scheint nicht nur unklar zu sein, was eigentlich die Besucher auf der Website vorfinden sollen, sondern bereits über die Aufgabenstellung der Website gibt es divergierende Vorstellungen – und augenscheinlich sogar über die Zielgruppen.

In der Antwort auf eine Kleine Anfrage eines Landtagsabgeordneten hatte die Chefin der thüringischen Staatskanzlei Ministerin Marion Walsmann Zielgruppen und Aufgabenstellung so definiert (http://polkomm.net/x/wak57s): “Das Landesportal thueringen.de ist ein Informationsportal mit umfangreichen Fach- und Serviceangeboten für Bürgerinnen und Bürger, die Wirtschaft sowie Investoren und Touristen aus dem In- und Ausland. (…) Mit (…) thueringen.de werden Informationen aus allen wichtigen Bereichen zur Verfügung gestellt. Damit wird die Landesregierung ihrer Informationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit gerecht.

Aber: Gehören Verkehrsmeldungen und regionale Wetterberichte zum Gegenstand der Informationspflicht, die eine Landesregierung hat?

Und: Wenn Ressorts beanspruchen auf der Website “für ihre Politik” werben zu können – ist dies noch Teil der Informationspflicht oder schon PR?

Ganz offensichtlich gibt es über die offizielle Darstellung hinausgehende Erwartungshaltungen bezüglich der Wirkung der Online-Kommunikation – freilich bei den Beteiligten teilweise recht unterschiedliche.

Zu dieser Divergenz mag der Graubereich betragen, der politische Mandatsträger in öffentlichen Ämtern oft genug in Schwierigkeiten bringt, weil mit den Mitteln öffentlicher Institutionen nicht für Parteien oder politische Strömungen geworben werden darf – und dies manchmal schief geht.

Aber gerade deshalb macht es Sinn, wenn man sich zu Beginn eines Internetprojekts genau überlegt, wer warum woher auf die Website kommen, was er dort finden und was der Besucher möglichst abschließend tun soll, damit die Aufgabenstellung der Website erfüllt ist.

Man nennt den Fall von Besuchern mit gleichen Interessen im Jargon der Internetkonzeptionisten “Use Case” und plant für solche Use Cases durch, wie sich die Besucher durch die Website bewegen. Im Marketing ist das relativ stringent durchzudeklinieren: Menschen suchen beispielsweise bei Google nach einem Produkt; die entsprechende Unterseite zu dem Produkt des Herstellers muss daher gut bei Google positioniert sein (oder auf Preisvergleichsportalen oft auftauchen); dazu muss sie sich ausschließlich mit dem einen gesuchten Produkt befassen, um bei Google als “relevant” zu gelten; gelingt es dann möglichst viele der Suchenden auf die eigene Unterseite zu holen, müssen sie dort anhand vieler Fakten und hübscher Bilder vom Produkt überzeugt werden und eine benutzerfreundliche Kauf- und Bezahlfunktion vorfinden – denn Ziel ist, dass der User kauft. Alle Einzelschritte der Besucher müssen jederzeit gut dokumentiert werden können, damit der Betreiber der Website seine Seiten ständig optimieren kann. Aus der Gesamtheit der Use Cases ergibt sich schon nahezu die gesamte Struktur der Website inklusive ihrer technischen Anforderungen.

In der politischen Online-Kommunikation ist das oft nicht ganz so einfach. Dennoch gibt es auch hier ganz typische Use Cases mit eindeutig zu definierenden Abschlüssen: Wer sich einmal für ein Thema interessiert, dem kann man beispielsweise regelmäßige Information zukommen lassen, indem man einen Newsletter offeriert. Journalisten kann man online die Aufnahme in den Presseverteiler anbieten. So kann man diese Zielgruppen künftig aktiv ansprechen – statt auf ihren nächsten Websitebesuch (möglicherweise sogar vergebens) warten zu müssen. Und selbst dann, wenn es wirklich nur um nüchterne Information geht, reduziert eine gute Website die Zahl der Klicks und zu beantwortenden Fragen, um es Besuchern leicht zu machen die Antwort zu finden – denn dann kommen sie eher zurück, als wenn ihnen die Website kompliziert vorkommt.

Auch in der politischen Online-Kommnikation determinieren also auf klarer Aufgabenstellung und Zielgruppendefinition aufbauende Use Cases weitestgehend Inhalte, Struktur und Funktionalität einer Website. Man darf den logischen Umkehrschluss natürlich auch ziehen: Wenn die Aufgabenstellung und daher die Use Cases unklar sind und deshalb zwangsläufig Inhalte, Struktur und Funktionalität nicht festgelegt werden können – dann kann man nicht anfangen zu programmieren, ein CMS aufzusetzen oder Zusatzfunktionen (wie Bestellfunktionen) beim IT-Dienstleister einzukaufen.

Doch genau das hat die thüringische Staatskanzlei getan, wie sich aus der bereits oben zitierten Antwort auf die Kleine Anfrage ergibt:

Die zur Verfügung stehenden Mittel der Staatskanzlei wurden zunächst in die notwendigen und erforderlichen inhaltlichen und technischen Vorbereitungsarbeiten für den Relaunch investiert“, so die Chefin der Staatskanzlei im Mai (http://polkomm.net/x/wak57s). Immerhin 250.000 Euro hat die Staatskanzlei ausweislich der in der Kleinen Anfrage genannten Daten bereits in den Jahren 2009 und 2010 in den Relaunch investiert.

In der freien Wirtschaft würde wohl kein Investor Geld für ein Projekt bewilligen, dessen Macher so wenig erläutern können, was sie eigentlich genau beabsichtigten. Und jedes Start-up, das sich um Risikokapital bemüht, kann seine Use Cases und deren Zielpunkte deutlich klarer formulieren als die thüringische Landesregierung. Doch die will nicht erst Geld, sondern hat es längst ausgegeben. Kein Wunder also, dass Opposition und Medien unangenehme Fragen stellen.

Wie unzulänglich die Wege der Besucher durch die aktuelle Website geplant sind, zeigt ein einfaches Beispiel: Sofern man sich für das Thema Kindergärten interessiert, findet man auf der Homepage ein entsprechendes verlinktes Navigationsschlagwort. Klickt man es an, landet man auf einer Seite, auf der man drei Absätze zum Thema zu lesen bekommt und gebeten wird sich auf der “Homepage” des für das Kindergartenwesen zuständigen Bildungsministeriums zu informieren. Folgt man dem angegebenen Link, gelangt man tatsächlich auf die Startseite des Ministeriums, wo man erneut mit der Navigation unter dem Schlagwort “Kindergarten” beginnen muss. Warum wird man nicht auf die Unterseite zu diesem Thema weitergeleitet? Dies liegt insbesondere deshalb auf der Hand, weil auch die Ministeriums-Website Teil von thueringen.de ist und im gleichen Content Management System gepflegt wird.

Längst sind die strategischen Defizite der aktuellen Website messbar: So hat selbst das kleine Bundesland Bremen bei Google einen PageRank (http://polkomm.net/x/n73xvp) von 7, Thüringen jedoch steht bei nur 6. Der Wert ergibt sich aus Anzahl und Qualität von Hyperlinks die andere Websites auf thueringen.de gesetzt haben – ein untrügliches Zeichen für mangelnde Attraktivität des Landesportals.

Aber die neuen Ideen des Regierungssprechers erscheinen kaum plausibler. Können Informationen zum aktuellen Wetter in Thüringen wirklich bei den Internetusern punkten, wo es doch Wetterportale zuhauf gibt, die jeden Punkt der Erde abdecken und Wetter auch für unterschiedlichste Zielgruppen aufbereiten – was thueringen.de kaum wird leisten können? Werden Börseninteressierte tatsächlich den Börsenwert von thüringischen Unternehmen auf thueringen.de verfolgen – statt auf den vielen universell angelegten Portalen, auf denen man viel mehr Kursdaten findet? Oder werden Autofahrer, statt Verkehrs- und Blitzer-Meldungen im Radio zu empfangen, plötzlich auf thueringen.de im Internet umsteigen?

Regierungssprecher Peter Zimmermann dürfte jedenfalls für seine Ideen kaum eine empirische Basis vorweisen können. Denn wie viele Besucher thueringen.de hat, und damit auch woher sie kommen und was sie am liebsten lesen, scheint die Staatskanzlei nicht sonderlich zu interessieren. Am 5. Oktober 2010 fragte ein Landtagsabgeordneter im Rahmen einer Kleinen Anfrage, wie viel Zugriffe es auf thueringen.de gebe. Als die Staatskanzlei am 18. Januar 2011, also dreieinhalb Monate später, antwortete, hieß es zur Besucherstatistik lapidar: “Zugriffe konnten aufgrund der zeitnahen Fristsetzung (für die Antwort, d. Verf.) nicht ermittelt werden” (http://polkomm.net/x/a7zn1k).

Da mag man sich nicht einmal mehr wundern, dass in den für Suchmaschinen im HTML-Code versteckten Keywords der Website noch immer steht: “ministerpräsident,dieter althaus“, obwohl seit über zwei Jahren Christine Lieberknecht Ministerpräsidentin des Landes ist.

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