Wenn Stimmungslagen der veröffentlichten Meinung Indikator für politische Entwicklungen sind, dann hat Google möglicherweise ein massives Problem! Anfang der Woche schrieb das amerikanische Technologie-Magazin Wired: “Was Google derzeit mit seinem neuen Sozialen Netzwerk Google+ plant, könnte – jedenfalls aus Sicht von Facebook oder dem US-Justizministerium – so aussehen, als ob Google seine Macht als Marktführer der Suchmaschinen missbraucht, um seinem Facebook-Konkurrenten Vorteile zu verschaffen” (http://polkomm.net/x/vrfb4r).

Wired hilft Wettbewerbshütern noch weiter auf die Sprünge: Das Magazin erwähnt einen Artikel des Wirtschaftsmagazins Forbes, der sehr schell nicht nur wieder von der Forbes-Website, sondern auch aus dem Google-Cache verschwunden sei. Dieser habe einen verräterischen Titel getragen, nämlich: “Platziere den Google-Plus-Button auf Deinen Internet-Seiten – oder Dein Suchmaschinen-Traffic wird leiden“. Wired sichert sogar Beweismittel gegen Google: Der Artikel sei in einem anderen Web-Cache noch zu finden (http://polkomm.net/x/5tqe7e).

Wired, Forbes, aber auch CNN, das den Wired-Artikel übernahm, vertreten – belegt mit Aussagen aus dem Hause Google – die durchaus plausible These, dass der Suchmaschinenkonzern eine Verquickung der Google-Suche mit Google+ plane, die Websitebetreiber geradezu dazu zwinge, Google+ zu unterstützen und dem neuen Netzwerk damit, ob gewollt oder ungewollt, zur Ebenbürtigkeit gegenüber dem Social-Media-Primus Facebook zu verhelfen.

Stein des Anstoßes ist die Bestätigung Googles, dass man daran arbeite, die Klicks auf den Google+-Button (der in etwa dem “Gefällt-mir-Button” von Facebook entspricht) als Kriterium für die Platzierung von einzelnen Webdokumenten im Suchergebnis der regulären Google-Websuche auszuwerten. Das heißt: Wird ein Dokument oder eine Website von Mitgliedern der Google+-Community öfters anderen Mitgliedern empfohlen, so wird der Link dorthin künftig im Suchergebnis der Google-Websuche bevorzugt angezeigt.

Die Stoßrichtung der genannten US-Medien ist eindeutig und erinnert an den Fall Microsoft. Dem Softwarekonzern wurde einst vorgeworfen mit seiner Vormachtstellung im Betriebssystemmarkt dem hauseigenen Internet-Explorer unrechtmäßig Vorteile – und Marktanteile – zu verschaffen. Wettbewerbshüter erzwangen eine Umprogrammierung des Windows-Setups, so dass heute jeder Windows-Kunde bei der Installation gefragt wird, welchen Browser er installieren möchte; sogar die Liste zur Auswahl des Browsers muss nun von einem Zufallsgenerator individuell durchgemischt werden, damit das Produkt von Microsoft nicht etwa immer an erster Stelle steht.

Doch der Fall Google+ ist so einfach nicht lösbar. Denn es geht nicht um zwei klar voneinander abgrenzbare Produkte, sondern um die Herkunft und Gewinnung von Daten über die Bedeutung von Webdokumenten und Websites. Google will Daten aus dem Web 2.0 gewinnen und für seine Suchmaschine im Web 1.0 nutzen, um deren Ergebnisse weiter zu verbessern. Das wird kaum zu verhindern sein. So wie kein Wettbewerbshüter die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu mehr Interviews mit Politkern der Linkspartei oder die Berliner tageszeitung zu wohlwollenderer Berücksichtigung der Standpunkte der Großindustrie zwingen kann, so wird kein Wettbewerbshüter in die Datenbasis des Google-Algorithmus eingreifen können. Es wird prinzipiell Sache des Medienunternehmens Google bleiben, welche Daten es heranzieht, um seine Suchergebnisse zu generieren. Ansonsten wären auch frei zugängliche Link-Verzeichnisse von Social-Bookmarking-Portalen oder das Alexa-Ranking, das von einer Community via Toolbar ermittelt wird, ebenfalls unrechtmäßig – denn auch sie kombinieren die Votings einer geschlossenen Benutzergruppe und die daraus resultierende, offen publizierte Bewertung von Websites.

Zudem bedeutet der unzweifelhaft entstehende Druck für Websitebetreiber zum Einbau des Google+-Buttons weder gleichzeitig eine Notwendigkeit zum Entfernen des Facebook-Buttons, noch bewirkt dieser Druck, dass das Google-Netzwerk dadurch auch erfolgreich Mitglieder gewinnt und sie möglicherweise Facebook wegnimmt. Während die Übervorteilung des Internet-Explorers im Fall von Microsoft eindeutig war, weil man in aller Regel nur einen Browser benutzt, schließen sich die Funktionen und Mitgliedschaften Sozialer Netzwerke nicht per se gegenseitig aus.

Wie auch immer mögliche Auseinandersetzungen mit Wettbewerbshütern ausgehen werden – bemerkenswert an Googles Engagement ist vor allem eines: Google traut seinem eigenen Fundament, nämlich der Linkpopularität im visible web (http://polkomm.net/x/5t4h5k), dem sich die Sozialen Netzwerke weitgehend entziehen, als bestem Maßstab für die Bedeutung von Webinhalten nicht mehr! Bis dato galt: Wichtige Websites werden von anderen Websitebetreibern oft verlinkt und man muss zur Ermittlung des Google-PageRanks nur die Links zählen und iterativ wichten, sowie alles mit geheimen Algorithmen korrigieren, um die Suchmaschinenoptimierer im Zaum zu halten. Der Paradigmenwechsel lautet nun: Die Crowd des Web 2.0 mit ihrem gewaltigen Stream an Posts und Re-Posts kann die Bedeutung von Webinhalten offensichtlich noch besser einschätzen als die vergleichsweise geringe Zahl von Websitebetreibern mit ihren vergleichweise wenigen statischen Links! Die Zukunft der Suchmaschinen liegt im Web 2.0, und zwar auch für Inhalte außerhalb der Sozialen Netzwerke!

Kaum etwas zeigt diesen Paradigmenwechsel deutlicher als die Einbettung der Empfehlungen befreundeter Google+-Mitglieder in das Suchergebnis. Sobald man als Google+-Mitglied eingeloggt ist und die Google-Websuche benutzt, wird neuerdings unter jedem Suchtreffer angezeigt, ob jemand aus dem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis das entsprechende Dokument bereits empfohlen hat. Wenn dem so ist, wird der Suchergebniseintrag um das Profilbild des Empfehlungsgebers und den Text “[Vorname Nachname] +1′d this” ergänzt. Nicht mehr der Google-Suchalgorithmus sagt, was wichtig ist, sondern Netzwerk-Freunde. Google läuft in der Version 2.0.

Das hat kaum abzuschätzende Auswirkungen auf die politische Online-Kommunikation. Die Wahrnehmung und der Traffic werden sich tendenziell weiter auf jene Politik-Websites verlagern, die im Web 2.0 die Nase vorn haben. Mitglieder-Organisationen werden es leichter haben als Unternehmensverbände, weil die häufiger “ge-plus-t” werden. Simple politische Programmatiken werden in der Konsequenz besser gerankt werden als komplexe – noch stärker als ohnehin schon. Die Sites von Single-Issue-Kampagnen werden noch einfacher zu Besuchern kommen als jene von Parteien. Und populistische Themen werden noch mehr als heute Hintergrundinformationen im Web überflügeln.

Googles Paradigmenwechsel markiert daher das Ende einer dreizehn Jahre existierenden Bastion im Web 1.0. Über Google konnte man leicht gefunden werden, sofern man eine Website besaß und diese einigermaßen suchmaschinentauglich war – auch wenn man die Welt der Sozialen Netzwerke ignorierte. Ab jetzt muss man im Social Web punkten, wenn man nicht Traffic auf seiner Website – und damit kommunikative, also politische Wirkung – einbüßen will.

Mehr zu Google+:

Die Funktionen des Sozialen Netzwerkes Google+ werden auf winload.de ausführlich dargestellt: http://polkomm.net/x/uoxl2g

Bislang kann man offiziell bei Google+ nur auf Einladung hin Mitglied werden. Ein Blogger fand einen Weg, dies zu umgehen: http://polkomm.net/x/qfvq19

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