Der auf dieser Website abonnierbare RSS-Feed “Politische Online-Kommunikation in der Presse” basiert auf der Aggregation etlicher Nachrichten-Feeds mittels des freien Services ”Yahoo Pipes”. Internet-Pionier Tim O’Reilly hat das Tool bereits vor zwei Jahren als “Meilenstein in der Geschichte des Internets” bezeichnet (siehe http://tinyurl.com/5jbvu6) und einer seiner Blog-Kommentaroren hat von einem “ersten Schritt in Richtung Web 3.0″ gesprochen, doch man muss sich wohl erst als Anwender ein wenig damit befassen, um die neue Dimension erahnen zu können, die sich für die Kommunikation im Internet abzeichnet. Der von Yahoo gewähle Slogan “Rewire the Web” ist dabei nicht zu hoch gegriffen.

Technisch lässt sich die Funktion von “Yahoo Pipes” im Prinzip recht kurz beschreiben: Der kostenlose Webservice ermöglicht jedermann die Zusammenfassung von RSS-Feeds und anderen Datenströmen zu einem einzigen Feed, wobei mittels umfangreichen Filter-, Extraktions- und Manipulationsfunktionen nahezu beliebige technische wie inhaltliche (!) Vorgaben an den Output-Stream gemacht werden können. So weit, so gut. Doch was hat Tim O’Reilly und andere zu solchen Superlativen getrieben? Und warum ist das von Interesse für die politische Online-Kommunikation?

Die Online-Welt erlebt derzeit eine grundlegende Veränderung: Während bis dato Informationen im Internet - genauso wie Bücher in der realen Welt - eine gewisse Zeit benötigten, um wahrnehmbar zu werden, hält nun globale Echtzeit-Kommunikation Einzug.

Der Vergleich mit einem Buch mag in manchem ein wenig hinken, aber er verdeutlicht die zeitliche Dimension: Kennt man den Autor, so kann man seine Publikationen am Tage des Erscheinens im Buchladen kaufen. Kennt man ihn nicht, muss man hingegen warten, bis Rezensenten und Bibliothekare  ihre Arbeit getan haben, und kann erst dann, etwa über systematische Kataloge, auf ein Werk stoßen, an dem man inhaltlich interessiert ist.

Übertragen auf das Internet: Sofern ich die Website eines Autors kenne, kann ich dort beobachten, welche Dokumente er veröffentlicht. Für alle mir unbekannten Websites mit gegebenenfalls wichtigen Inhalten gilt: Ich muss warten, bis der Google-Robot und seine Artgenossen oder Blogger und andere Web-Autoren ihre Arbeit getan haben, denn erst dann werden im “Deep Web” (auch “invisible Web”, siehe http://tinyurl.com/nffg85) schlummernde Publikationen für die Allgemeinheit sichtbar.

Natürlich beeilt sich der Google-Robot bei wichtigen Websites, den Zeitraum der Unsichtbarkeit möglichst kurz zu halten. Aber was bedeutet “wichtig”? Das legen von Google streng gehütete Algorithmen fest, die zum Ersten einen “Page Rank” für die Wichtigkeit einer Website im Internet ermitteln (ohne dabei auch nur im Geringsten individuelle Erfordernisse der Google-Benutzer zu berücksichtigen) und zum Zweiten intern festlegen, wie oft eine Website auf Neuigkeiten hin untersucht wird (und dabei verständlicherweise entsprechende Hinweisen des Website-Betreibers im Code seiner Site ignorieren). Die Erschließung von Information im Raum des veröffentlichten Wissens funktioniert auf diese Weise - wie Googles Erfolgt belegt - recht gut, auch wenn einige Zeit verloren geht und individuelle Relevanz der Publizisten für die Rezipienten keine Rolle spielt.

Aber im Raum der Nachrichten muss das scheitern - und auch Google News mit seinen letztlich wenigen, und den Massenmedien zuzurechnenden Quellen ändert daran nichts. Denn der Wert von Nachrichten bemisst sich (neben Parametern wie dem der inhaltlichen Bedeutung) per definitionem an der Geschwindigkeit, mit der sie verbreitet werden. Eine wichtige Nachricht, die nicht schnell verbreitet wird, ist möglicherweise bei ihrer verspäteten Ankunft beim Rezipienten nichts mehr wert. Im Wesentlichen waren es bislang die Massenmedien, die mit dem Internet in die Lage versetzt worden waren ihre Nachrichten (annähend) in Echtzeit zu verbreiten.

Doch nun erleben wir einen Emanzipationsprozess, der erstmals mit Technologien und Plattformen wie RSS, Twitter und eben Yahoo Pipes möglich wird: Jedermann kann Nachrichten nicht nur in Echtzeit verbreiten, sondern sie können von Interessierten auch in zunehmendem Maße in Echtzeit wahrgenommen werden! Die Massenmedien, die ehedem mit dem “Web 2.0″ bereits ihres Gatekeeper-Monopols beraubt wurden, müssen nun erleben, dass sie eines weiteren früheren Privilegs verlustig gehen: Auch ihr Monopol auf die Echtzeitvermittlung von Nachrichten bricht nun zusammen. Symptome kann man bereits in den Massenmedien wahrnehmen, die sich ihrerseits in ihren Stories immer öfter auf Information aus Echtzeit-Plattformen beziehen (meist von Twitter). Allerdings nutzen sie dabei nur jene Information, die sich hernach wieder unproblematisch in den klassischen Nachrichtenkreislauf zurückführen lässt, also in der Regel jene Information, die sich inhaltlich für Massenmedien eignet.

Aber das entscheidende Potenzial der neuen Echtzeit-Kommunikation ist nicht, damit Nachrichten in die Massenmedien zu lancieren, sondern die Erschließung universeller Nachrichtenquellen! Wenn es den Rezipienten gelingt, den gewaltigen im Web produzierten Nachrichten-Stream in Echtzeit auszuwerten, werden sie nicht nur unabhängig von der Nachrichtenselektion der massenmedialen Gate-Keeper. Sie können vor allem auch individuelle, auf eigene Bedürfnisse zugeschnittene Nachrichtenfilter definieren und diese auf eine viel breitere Nachrichtenbasis anwenden. Und das bietet einen immensen Vorteil: Denn die Massenmedien sind nicht nur wegen ökonomischer Erfordernisse dem Mainstream verbunden, sie können aus technischen Gründen auch immer nur einen oder einige wenige gefilterte Nachrichten-Streams erzeugen, die dann ausreichend sein müssen das Informationsbedürfnis aller zu befriedigen. Individuelle Informationsbedürfnisse hingegen bleiben außen vor.

Aber genau hier setzt die Philosphie von Yahoo Pipes an: “Rewire the Web”. Jedermann kann eine Vielzahl von Feeds filtern – nach Begriffen, die ihm persönlich wichtig sind. Mit ein paar Mausklicks erreicht man bereits ansehnliche Ergebnisse, und versierte Laien können das Tool ohne Weiteres bedienen. Die Bearbeitungsmöglichkeiten für Feeds gehen dabei über eine normale Volltextsuche weit hinaus. Mit Modulen für automatisierte Übersetzung und geografische Zuordnung von Inhalten stehen sogar semantische Technologien zur Verfügung. Und damit nicht jeder Pipes-Benutzer bei null anfängt, ist der Service wie eine Open-Source-Community angelegt und man kann die Nachrichten-Pipes anderer User nutzen und weiterverarbeiten.

Wir schauen, wenn wir uns mit Yahoo Pipes befassen, also auf eine neue, komplexere und individualisiertere Welt der Nachrichtenverbreitung. Eine Welt, die künftig insbesondere für jene an die Öffentlichkeit gerichteten Nachrichten, die nicht auf Interesse der Massenmedien stoßen, zunehmende Bedeutung haben wird. Und es besteht kein Zweifel, dass das insbesondere auf die Mehrheit der Botschaften politischer Institutionen zutrifft.

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