Wer der deutschen Wikipedia glaubt, muss davon ausgehen, dass zwei Drittel der Deutschen “weiterhin kein Interesse” am mobilen Internet haben. So steht es dort zu lesen (http://polkomm.net/x/2begvx) – belegt mit einer Studie aus dem Jahr 2008.

Möglicherweise darf man von einem Sozialen Netzwerk, das die Online-Enzyklopädie schreibt, nichts anderes erwarten, als dass der Fokus auf dem Bereich Social Media liegt – und das Mobile Web ein wenig stiefmütterlich behandelt wird. Für die strategische Planung in der politischen Online-Kommunikation ist eine solche Aussage jedoch auf verheerende Weise irreführend.

Denn eine ganz andere Einschätzung kann man schon auf der englischen Wikipedia in der Auswertung der aktuellen Traffic-Daten erfahren: Jede siebzehnte Seite, nämlich 5,8 Prozent aller Seiten, wird bereits vom Browser eines mobilen Endgerätes aus aufgerufen (Mai 2011, siehe http://polkomm.net/x/r9hdci). Damit rufen Mobilgerätebrowser bereits mehr als doppelt so viele Seiten ab wie der beliebte Browser “Opera“. Dem Browser “Safari“, der Standardsoftware der Apple-PCs, die bei 7,3 Prozent liegt, sind die Mobilbrowser also dicht auf den Fersen.

Der Telekommunikationsverband Bitkom schätzte vor einem Jahr, dass die Zahl der UMTS-Nutzer in Deutschland bis Ende 2010 bei 31 Millionen gelegen haben dürfte (http://polkomm.net/x/9b14ue). Im Februar dieses Jahres meldete er unter dem Titel “Das mobile Internet boomt“, man rechne für 2011 mit dem Absatz von über 10 Millionen Smartphones (http://polkomm.net/x/odgelu). “Das mobile Internet hat sich in weiten Teilen der Bevölkerung durchgesetzt”, resümierte Friedrich Joussen, Präsidiumsmitglied bei Bitkom, die Zahl. Das Datenvolumen in den deutschen Mobilfunknetzen sei von 2009 bis 2010 um sagenhafte 105 Prozent von 34 Millionen auf 70 Millionen Gigabyte angestiegen, teilte Bitkom zudem mit.

Nicht nur solche Zahlen lassen aufhorchen: Die Unternehmensberatung Kirchner + Robrecht zitiert in ihrer Metastudie “Mobile Research Guide 2010” (http://polkomm.net/x/adq4sq) eine Untersuchung (EIAA: Mediascope Europe 2009), der zufolge die Nutzer des Mobile Web in Deutschland pro Woche sieben Stunden mit dem Mobilgerät surfen, während sie dem Zeitunglesen gerade einmal 4,6 Stunden widmen. Eine andere in der Metastudie ausgewertete Untersuchung (gravitytank: apps get real, 2009) weist für iPhone- und Android-G1-Besitzer in den USA aus, dass diese aufgrund der Nutzung von Smartphone-Apps 24 Prozent geringeres Zeitbudget für das Zeitunglesen aufwenden. Und eine dritte zitierte Studie (Accenture: Mobile Web Watch 2010) vervollständigt den Eindruck, dass das Mobile Web eine drastische Veränderung der Mediennutzung mit sich bringt: Demnach gaben im vergangenen Jahr 83 Prozent der Nutzer mobiler Endgeräte an, vor allem in “Zug, U-/S-Bahn, Auto, Bahnhof, Flughafen” online zu gehen; diese Frage hatten noch 2009 nur 55 Prozent bejaht. Das Mobile Web schließt damit insbesondere eine Lücke: Ungenutzte Reisezeit kann nunmehr auch zur Rezeption von Onlinemedien genutzt werden, was bislang den Printmedien vorbehalten war.

Wo sie bei diesem Aspekt des Medienwandels stehen, können Akteure der politischen Online-Kommunikation in der Regel am einfachsten dadurch realisieren, dass sie ihre eigene Website einmal per Smartphone besuchen: Kaum eine Webpräsenz wird ihrer Aufgabenstellung noch gerecht, sofern man sie auf dem zigarettenschachtelgroßen Display betrachtet. Das Problem ist also: Die Rezipienten ändern ihr Rezeptionsverhalten, aber die politischen Akteure reagieren darauf nicht entsprechend – und verlieren sukzessive potenzielle Leser.

Der findige Apple-Konzern hat dieses Problem bereits in sein Geschäftsmodell integriert und propagiert so genannte Apps (Applikationen), auch wenn sie, wie es häufig der Fall ist, nicht viel mehr leisten als Webinhalte in ansehnlichere Form zu bringen. Apple verdient daran – wenn auch indirekt – fleißig. Welch absurde Wirkung der von Apple geschürte Hype um die iPhone-Apps erzeugt, belegt ein Blick auf den gesamten Markt: So waren im Frühjahr vergangenen Jahres 82 Prozent aller über 227.840 weltweit zur Verfügung stehenden Apps für das iPhone programmiert – bei einem Marktanteil von gerade einmal 15 Prozent (http://polkomm.net/x/30km0w). Die Anbieter von Apps ignorierten dabei weitestgehend die Besitzer von Smartphones mit anderen Betriebssystemen. Gerade einmal 18 Prozent aller Apps standen für 85 Prozent des Marktes zur Verfügung – ganz so als wollten Unternehmen, Institutionen und Medien mit Nokia-, Blackberry- oder Android-Handy-Besitzern nicht kommunizieren. Dabei ist klar: Im unübersichtlichen Markt der Handy-Betriebssysteme muss man Apps wenigstens für die Betriebssysteme iPhone OS, Android, Symbian anbieten, wenn man mit mindestens 90 Prozent aller Smartphonebesitzern in Kontakt bleiben möchte. Überdies ist Android, das offene Handybetriebssystem von Google, wegen größerer Marktanteile längst wichtiger als das iPhone OS. Und Symbian wird, so der kürzlich von Nokia und Microsoft verkündete Plan, in Bälde durch das Betriebssystem Windows Mobile ersetzt.

Es ist daher offensichtlich, dass in der politischen Online-Kommunikation kein Weg daran vorbei führt, die Webpräsenzen mobil-tauglich zu machen, anstatt eine Vielzahl von Apps zu programmieren und zu pflegen – und dabei sogar noch von den Telekommunikationskonzernen abhängig zu sein, da der Vertrieb von Apps über deren Online-Shops läuft.

Dass politische Institutionen hierzulande so zögerlich in das Mobile Web einsteigen, hat freilich – neben längst überholten Einschätzungen, wie jenen in dem eingangs erwähnten Wikipedia-Artikel – einen weiteren Grund: die Fehler der Vergangenheit, die politische Interessenvertretungen in ihrer Online-Kommunikation gemacht haben.

Viele politische Institutionen, insbesondere Verbände, haben es in der Vergangenheit versäumt, ihren Zielgruppen online kontinuierlich publizierte Informationsdienste anzubieten und sie zur Subskription zu bewegen. Die Erkenntnis, dass man sich erst durch den Aufbau von Communities, Netzwerken oder Mailinglisten, sowie durch die Gewinnung von Newsletterabonnenten, RSS-Subskribenten oder Followern in die Lage versetzt, jederzeit und aktiv für seine politischen Ziele zu werben, hat sich noch immer nicht flächendeckend durchgesetzt. Und daher macht es auch folgerichtig kaum Sinn, wenn man nun in die Welt des mobilen Internets vorstößt. Denn mobile Internetbenutzer “surfen” ja nicht wirklich, indem sie sich durch das Web treiben lassen. Sie lesen gezielt die Feeds mit Nachrichten aller Art von ausgesuchten Websites. Solche Dienste haben jedoch die wenigsten politischen Akteure anzubieten (siehe dazu auch “Lobbyisten scheitern beim Einsatz von RSS“, http://polkomm.net/blog/?p=408).

Websites, die mehr oder weniger als “Visitenkarte im Internet” betrieben werden, haben daher vom Mobile Web tatsächlich wenig zu erwarten. Etwas zu verlieren haben aber jene Betreiber politischer Websites, die mühsam gewonnene Dauerrezipienten ins mobile Internet abwandern lassen, ohne ihnen dort einen adäquaten Service anbieten zu können; denn damit gehen eigentlich schon gesicherte Kontakte wieder verloren.

Für das Minimalziel der Kompensation dieses Effekts genügt prinzipiell bereits ein auf Mobilgeräte optimierter RSS-Feed. Falls der RSS-Feed die kompletten Texte der publizierten Nachrichten beinhaltet (und nicht nur Teaser), können Smartphone-Benutzer diverse RSS-Reader für ihr jeweiliges Betriebssystem gratis herunterladen, die dann eine optimale Bildschirmdarstellung auch auf kleinen Touchscreens gewährleisten. Der Google Reader Mobile ermöglicht außerdem das Offline-Lesen, was für die Nutzung als Beifahrer im Straßenverkehr oder als Fahrgast in öffentlichen Verkehrsmitteln äußerst hilfreich sein kann.

Sofern der RSS-Feed nicht bereits die kompletten Nachrichtentexte enthält, sondern nur einen Teaser, hilft das Google Mobile Conversion Tool (siehe http://www.google.com/gwt/n), das Internetdokumente automatisiert in Mobilversionen umwandelt. Um einen RSS-Feed, der nur Teaser und jeweils einen Link auf die kompletten Texte enthält, mobil-tauglich zu machen, muss nur der URL jeder Nachricht im RSS-Feed in geringfügig umkodierter Form angegeben werden. Dazu muss er nur URL-kodiert (siehe http://polkomm.net/x/nlb252) und als Parameter u an den URL des Google-Tools gehängt werden. Aus http://site.de/news1 wird also http://www.google.com/gwt/x?u=http%3A%2F%2Fsite.de%2Fnews1 und daran müssen ein paar weitere immer gleichbleibende Parameter angehängt werden. Und schon werden Mobiluser auf eine für ihre Bedürfnisse umgestaltete Seite geleitet.

Das Beispiel einer Pressemitteilung des Bundesverbands der Deutschen Industrie zeigt, wie effektiv das Google-Tool die Seite umbaut und an die Erfordernisse mobiler Endgeräte anpasst: Aus einer komplexen browser-optimierten Seite (http://polkomm.net/x/tdwvpx) wird eine stark abgespeckte Mobilversion erzeugt (http://polkomm.net/x/sn3fak).

Ein PHP-Script zur automatischen Konvertierung bietet Google außerdem zum Download und kostenlosen Einsatz auf Webservern an (http://polkomm.net/x/emmbaz).

Etwas aufwändigere Lösungen zur Anpassung von Websites an mobile Endgeräte werden von diversen Internetdienstleistern offeriert. So erlaubt beispielsweise Mobify (http://mobify.me) das Erstellen einer mobilen Websiteversion über ein benutzerfreundliches Interface innerhalb weniger Minuten – in der Basisversion auch kostenlos. EasyMobilizer (http://easymobilizer.com) stellt gegen Entgelt online Javascript-Code zum Einfügen in Websites bereit, der automatisch eine Mobilversion der jeweiligen Website generiert, sobald ein Besucher mit mobilem Browser ein Dokument abruft.

Der Einsatz solcher Tools und Webservices hat seine Berechtigung: Eine vollständige Version einer Website für mobile Endgeräte aufzubauen ist eine knifflige und äußerst aufwändige Angelegenheit. Denn die Vielfalt der Bildschirmspezifikationen bei den Smartphones und Tablet-PCs ist schier unendlich. Jede Generation bringt neue Spitzenwerte bei der Auflösung der oft winzigen Screens hervor – und die Ingenieure der Hersteller erliegen immer häufiger der Versuchung die Standardschrift unleserlich klein zu machen, damit möglichst viele Inhalte auf einer Bildschirmansicht zu sehen sind. Wer wirklich gut lesbare Mobil-Seiten anbieten möchte, kann sich deshalb nicht auf die von den Mobil-Browsern voreingestellten Schriftgrößen verlassen, sondern muss letztlich jeden einzelnen Text in Bezug auf die Darstellungsgröße individuell formatieren – und zwar abhängig vom Modell des mobilen Endgeräts, das gerade auf die Website zugreift. Welche Formatierung eines Webdokuments vom Webserver ausgeliefert wird, entscheidet sich also erst im Moment des Seitenabrufs – was eine komplexe Programmierung für die Erzeugung so genannter dynamischer Seiten erforderlich macht.

Damit Website-Entwickler überhaupt eine Chance haben mit der vierstelligen Zahl unterschiedlich Geräte klarzukommen, gibt es Services wie DeviceAtlas (http://deviceatlas.com), wo man Gerätespezifikationen nachschauen und auch automatisiert abfragen kann, wie jQuery (http://jquerymobile.com), ein Framework, das Javascriptcode zur Verfügung stellt, mit dem im Moment eines Seitenabrufs Gerätedaten zum Webserver übermittelt werden, oder wie Morfeo (http://mymobileweb.morfeo-project.org), ein Open-Source-Netzwerk, in dem Softwareprogrammierer gemeinsam an Problemlösungen für das Mobile Web arbeiten.

Ob politische Institutionen, vor allem kleinere Interessenvertretungen, eine solche Aufbereitung ihrer Webpräsenzen zu implementieren in der Lage sind, wird äußerst fraglich sein. Für die Nutzung weiter oben genannter Services ist es jedoch höchste Eisenbahn, wenn man dem Medienwandel nicht tatenlos zusehen und wertvolle Rezipienten-Kontakte aufgeben möchte.

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