Es sei ein Krieg der “Hacker”, titelte die Südwestpresse (http://polkomm.net/x/z3nl39) über die Sabotage-Attacken von “Anonymous” gegen die Websites von Kreditkartenfirmen, welche “Wikileaks” die Zusammenarbeit aufgekündigt hatten. Die meisten der Beteiligten dürften sogenannte “Script-Kiddies” sein, spekulierte hingegen die Süddeutsche Zeitung (http://polkomm.net/x/84ulsl). “Verborgene Kämpfer”, meldete der österreichische Standard, seien es, die sich hackend gegen Internetzensur wendeten (http://polkomm.net/x/jnwxi4).

Alles falsch! Der Internetkampf, der sich derzeit in massiven Distributed-denial-of-service-Angriffen manifestiert, ist längst eine Protestbewegung, die von breiten Kreisen der Webcommunity getragen wird. Die aus dem englischsprachigen Raum stammende Bewegung hatte vor den aktuellen Attacken auf die Websites von Visa, Mastercard, Amazon, Paypal, der Schweizer Postbank Postfinance, der schwedischen Staatsanwaltschaft, Sarah Palin und US-Senator Joe Lieberman in anderen Kampagnen bereits Skynet, Scientology und das australische Parlament angegriffen.

Anonymous ist ein offener multi-vektorieller Schwarm, keine Gruppe“, klärte ein User mit dem Nickname Bernd Anon die Teilnehmer eines Diskussionsforums auf der Website des IT-Nachrichtenservice Golem kürzlich auf (http://polkomm.net/x/g5782s). Der Mann kannte sich offensichtlich nicht nur gut aus, der zweite Teil seines Nicknames signalisierte auch unmissverständlich, dass seine intimen Kenntnisse aus eigenem Engagement stammten. “So was nennt man Hivemind“, berichtete Bernd Anon weiter. “Jeder Anon entscheidet dabei selbst welche Ops (Operation Titstorm, Operation PayBack, Operation Chanology, Operation Skynet, etc) er unterstützt, wann und wie. Jeder kann sich ausklinken und wieder einsteigen.

Mit einfacheren Worten ausgedrückt: “Anonymous” ist so etwas wie ein Soziales Netzwerk zum Führen von Cyberwars. Es gibt keine festen Strukturen, nur Wortführer. Wer zu twittern oder chatten in der Lage ist, der kann auch im Cyberwar mitkämpfen und den “Konzernen” zeigen, wie wehrlos sie im Internet sind. Und im Cyberwar mitzumachen ist fast noch einfacher als bei Facebook oder StudiVZ. Man muss nur ein kleines Softwaretool installieren und im Hintergrund laufen lassen.

Die umfangreiche und vor allem unkritische Medienberichterstattung hilft der Bewegung erst richtig auf die Beine: “Wo bekomme ich die erwähnte Software her?“, fragt ein User im Online-Forum der Tagesschau und bekommt, selbst im öffentlich-rechtlichen Umfeld, sogleich umfangreiche Infos mit Hyperlink (http://polkomm.net/x/jy2j7r).

Laß uns diese korrupte Welt verändern“, stachelt ein anderer Tagesschau-Besucher die Debatte an: “Nicht nur in den sogennanten totalitären Staaten geht es um Macht. Auch in den sogennannten demokratischen Staaten geht es nur um Machterhalt einer politischen Kaste“.

Folgt man dem angegebenen Link, landet man in einem englischsprachigen Diskussionsforum, in dem ebenfalls ein freiwilliger, künftiger Webpartisane um Hilfe bittet: “Guys how to fire??? I want to be part of killing VISA“, fragt Greg (http://polkomm.net/x/hchnda).

In dem Forum wird zwar heftig über die Legitimität der Angriffe gestritten. Aber die Stimmungslage lässt sich an einem einzigen, typischen Beitrag ablesen: “igor, if y think this serves no purpose then why bother. go watch ur tv like a propper slave“, höhnte ein User da und stand damit nicht allein: “Enigmie and 51 more liked this“, zählt die Kommentarfunktion der Website vor.

Es sind – wie man in zahllosen Foren nachlesen kann – keineswegs nur Hacker, Script-Kiddies oder verborgene Kämpfer, sondern breite Kreise der Online-Welt, die sich für den Kampf mit Sabotagesoftware aussprechen.

Die Tageszeitung taz hat ihre Onlinebesucher gefragt, ob Hackerangriffe die richtige Reaktion auf die Verhaftung von Wikileaks-Chef Assange seien. Stolze 80 Prozent der taz-Besucher sagten: “Ja!” (http://polkomm.net/x/38dhwg).

Für all diese Sympathisanten ist der Karriereschritt zum Cyber-Kombattanten nur ein kleiner: Die nur 800 Kilobytes kleine Software namens LOIC kann man downloaden. Eine auch für Menschen ohne Computerkenntnisse gut verständliche Bedienungsanleitung hilft sodann beim Eintritt in den Cyberwar.

Und der LOIC-Client läuft :-)“, schreibt ein User mit dem Namen Denne in einem Forum – als wolle er sagen: Seht her, das kann jeder! (http://polkomm.net/x/7tej09).

In welchem Ausmaß sich der Cyberwar derzeitig entwickelt, zeigt die gewaltige Zahl der Downloads: Die Sabotagesoftware LOIC wird ständig weiterentwickelt. Die letzte Version mit der Nummer 1.1.1.14 wurde nur zwischen dem 27. November und dem 12. Dezember zum Download angeboten. In diesen zwei Wochen wurde sie von der Website Github.com über 50.000 Mal heruntergeladen (http://polkomm.net/x/wgyhwb). Und auch die neuste Version wird über 100 Mal pro Stunde downgeloadet, seit gestern 2.700 Mal. Die tatsächliche Gesamtzahl der Downloads wird jedoch noch deutlich höher liegen, denn auch Sourceforge.net bietet LOIC an – und dies ist die eigentlich weitaus bekanntere Website zum Download von freier Software, allerdings werden die Downloadzahlen dort nicht angezeigt.

Die Strategen im Schwarm von “Anonymous” denken bereits weiter und haben einen Stopp der Angriffe erwirkt – nur um das nächste Mal mit noch mehr Unterstützern loszuschlagen, wie die US-Zeitschrift “The Atlantic” in einem sehr gut recherchierten Artikel über die Organisationsstrukturen aufdeckte: “Unsere Botschaft ist angekommen. Wir sind in Massenmedien, Blogs und anderen Quellen erwähnt worden. Unsere Reaktion war erfolgreich. Unser Anliegen ist wahrgenommen worden. Wir müssen jetzt alle Attacken stoppen und uns auf die Organisation konzentrieren, sodass künftigen Attacken in zehnfacher Stärke erfolgen können. Stoppt alle Angriffe!“, sendeten die Top-Influencer laut “The Atlantic” in die Cloud (http://polkomm.net/x/yrb4n8).

Manche Medien taten unterdessen so, als seien die Cyberattacken strafrechtlich unproblematisch und trieben “Anonymous” weitere Unterstützer massenhaft zu. Die “Zeit” gab – ohne die neueste, 2007 geänderte Gesetzgebung zu erwähnen – Entwarnung, weil “virtuelle Sitzblockaden” laut Gerichtsentscheidung zulässig seien (http://polkomm.net/x/6of2we). Nur ein Medium reagierte nahezu panisch: Zweifellos wohlwissend, was sich da in deutschen Arbeits- und Kinderzimmern derzeit anbahnt, warnte der Heise-Verlag, Marktführer bei Computermedien, eindringlich:

Wer sich an der Operation: Payback, die über Anonymous organisiert wird, beteiligt, sollte sich über eines sehr klar sein: Wer andere Rechner unter Beschuss nimmt, sollte dabei berücksichtigen, dass es sich bei DDoS-Angriffen nach deutschem Recht um eine Straftat handelt. Denn nach Paragraph 303b des Strafgesetzbuches (StGB) macht sich derjenige strafbar, der eine für einen anderen bedeutsame Datenverarbeitung dadurch erheblich stört, dass er Daten ‚in der Absicht, einem anderen Nachteil zuzufügen, eingibt oder übermittelt’. Diese 2007 entstandene Vorschrift wurde speziell in der Absicht geschaffen, die bis zu diesem Zeitpunkt unklare Rechtslage rund um DDoS-Attacken eindeutig zu regeln, betont Joerg Heidrich, Justiziar des Heise-Verlags. Bei einem Verstoß sieht das Gesetz eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe vor. Zudem drohen auch zivilrechtliche Schadensersatzforderungen” (http://polkomm.net/x/mtdmmn).

Wie aber kann strafbare Sabotage von Kommunikationseinrichtungen zur Volksbewegung werden?

Zweifelsohne belegen die Vorgänge ein Versagen des Rechtsstaates, der aus politisch motivierter Scheu vor den neuen Potentaten des virtuellen Raums den Gedanken der Generalprävention schleifen ließ und noch lässt. Strafverfolgung von Internetusern ist ein heißes Eisen – nicht nur, wenn es um Vorratsdatenspeicherung geht. Zwar werden “Netzaktivisten”, “Technology-Evangelisten” “Blogger” und “Hacker” vom Bundestag in die Enquetekommission “Internet und digitale Gesellschaft” berufen, um dort – gemeinsam mit IT-Lobbyisten – vor “neuen Gesetzen” warnen zu dürfen (http://polkomm.net/x/xa5xx4). Aber vielmehr sei – statt Netzpolitik – doch “anscheinend das Umarmen des Internets angesagt“, gibt einer der Umgarnten im Interview offen zu (http://polkomm.net/x/ad458b). Logische Konsequenz: Solange der Staat nicht durchgreift, sondern die Internetszene hofiert, spekulieren die wild gewordenen Netizens darauf, dass ihr Handeln toleriert wird.

Verboten ist daran nicht solange man nicht beabsichtigt den Server zu blockieren. Aber er spricht doch nichts dagegen ständig die Matercradseite ständig zu refreshen um auf dem neusten Stand zu sein ;)“, schreibt ein User im Forum der ARD-Tagesschau. Und ein anderer: “Die Software (…) tut nichts weiter, als die Seite, welche Du dem Programm vorgibst, in hoher Frequenz aufzurufen. Da das Aufrufen einer Homepage nicht illegal ist, bewegt man sich dabei auf recht sicherem Eis. ;]” (http://polkomm.net/x/jy2j7r)

Einige Versiertere unter den Diskutanten wissen, was eine Untersuchung der Universität im niederländischen Twente belegt, nämlich wie leicht die angeblich anonymen Kämpfer über ihre IP-Adresse identifizierbar sind (http://polkomm.net/x/5y75yo). Doch es ist ein – auch in der Studie erwähntes -, offenes Geheimnis, wie sich das verhindern ließe. Die Software, die angeblich aus dem Umfeld der Website 4chan.org stammt, beherrscht noch nicht die letzten Kniffe der Hackerszene: “Sind die Jungs von 4chan echt zu doof in das Tool IP spoofing einzubauen?“, fragt denn auch ein technikbeschlagener User auf der Grimme-Award-prämierten Website Netzpolitik.org – ohne dass ihn jemand dafür kritisiert (http://polkomm.net/x/kfjrxi). “IP spoofing” erlaubt DDoS-Angriffe unter falschen IP-Adressen.

Der Weg in die Eskalation ist also vorgezeichnet. Ein Userkommentar auf Netzpolitik.org steht für viele andere: “Die DDoS-Attacken ( auch auf Amazon ) sehe ich ganz klar als friedlichen Protest ( der gute alte Sitzblockaden-Vergleich ) … da ging es beim Castor-Transport rauher zu. Bei den DDoS-Angriffen allein kann es jedoch nicht bleiben, man muss da noch einen Schritt weiter gehen” (http://polkomm.net/x/uje0pm).

Das grundlegende Problem ist: Die Idee, nach der die politische Partizipation der Bürger allein aufgrund der Möglichkeiten des Internets selbsttätig wächst, ist eine Illusion. Das Internet bringt nicht von selbst Verständnis für komplexe Zusammenhänge in Staat und Gesellschaft hervor. Im Gegenteil: Je komplexer die tatsächlichen politischen Verhältnisse sind, desto leichter greifen Utopien um sich. Nicht nur, dass man sich im Internet jedweder politischen Aktion in Echtzeit anschließen kann. Vielmehr haben es dabei auch noch jene Ideen leichter, die – scheinbar! – auf einen Blick zu verstehen sind. Es findet, so wie es auch in den Medien geschieht, eine Boulevardisierung der Politik statt. Und im Wesentlichen ist es nur dieser Effekt, der zu verbreiterter Partizipation führt. Vor allem Utopisten und Cyberkrieger sind daher im Internet auf dem Vormarsch.

Bereits 1996 hat der Gründer der Internet-Aktivisten-Gruppe “Electronic Frontier Foundation”, John Perry Barlow, auf dem World Economic Forum in Davos vor den geladenen Regierungsvertretern eine Rede gehalten, deren erste Sätze die bis heute gültige Marschrichtung vorgaben:

Regierungen der industrialisierten Welt, Ihr trägen Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, dem neuen Heim des Geistes. Im Namen der Zukunft verlange ich von Euch, die Ihr aus der Vergangenheit seid, uns in Frieden zu lassen. Ihr seid unter uns nicht willkommen. Ihr habt, wo wir uns versammeln, keine Herrschaft. Wir haben keine gewählte Regierung, und wir werden wohl auch niemals eine haben, daher spreche ich zu Euch mit nicht mehr Autorität als jener, mit der die Freiheit spricht. Ich erkläre den globalen sozialen Raum, den wir errichten, als von Natur aus unabhängig von der Tyrannei, die Ihr uns aufzwingen wollt. Weder habt Ihr moralisch ein Recht, uns zu regieren, noch verfügt Ihr über irgendwelche Zwangsmittel, die wir wirklich fürchten müssten, um Euch damit Geltung zu verschaffen. Regierungen beziehen Ihre rechtmäßigen Befugnisse aus dem Einverständnis der Regierten. Ihr habt unseres weder erbeten noch erhalten. Wir haben Euch nicht eingeladen” (http://polkomm.net/x/eckhij).

Die Hoffnung auf eine herrschaftsfreie Welt im virtuellen Raum geistert bis heute durch die Köpfe der Netizens.

So schreibt der User Modano09 im Tagesschau-Forum: “Die alte demokratische Regierungsform hat in den letzten 10 Jahren soviel Schaden angerichtet, das es zu einer neuen demokratischen Regierungsform kommen muss. Die meißten Politiker klammern sich verzweifelt an die alte demokratische Regierungsform , weil sie den Bürger über die meißten Sachverhalte die den Bürger betreffen um unklaren läßt. Das Wort ‘Transparenz’ ist ein Unwort in dieser Regierungsform. Die neue demokratische Regierungsform hat im Internet durch Wiklileaks begonnen und das Wort Transparenz wird als wichtiges Gut großgeschrieben” (http://polkomm.net/x/jy2j7r).

Mit Pathos erklärte der oben zitierte John Perry Barlow Anfang Dezember via Twitter gegenüber seinen knapp 18.000 Followern den Kriegsfall: “Der erste ernsthafte Informationskrieg ist jetzt angelaufen. Das Schlachtfeld ist Wikileaks. Ihr seid die Truppen” (http://polkomm.net/x/ocuxew).

Der Kampf um ‘Wikileaks’ ist eine wichtige Auseinandersetzung um die Zukunft der Meinungs- und Informationsfreiheit im Netz“, verkündete vier Tage später auch der Deutsche Andy Müller-Maguhn, Hacker-Ikone vom Chaos Computer Club (http://polkomm.net/x/zwqxym).

Aber, so ist zu fragen: Kann denn ausschließlich “Wikileaks” die Öffentlichkeit über jene Missstände informieren, die Regierungen geheim halten wollen? Brauchen der “Spiegel”, “Monitor” oder die “Washington Post” unbedingt eine Institution wie Wikileaks, um Skandale öffentlich zu machen? Oder brauchte nicht vielmehr “Wikileaks” den “Spiegel” und andere Printmedien, um seine Enthüllungsstorys wirkungsvoll publizieren zu können, weil die Veröffentlichung auf der Wikileaks-Website allein kaum etwas bewirkt hätte? Wo liegt der Vorteil, wenn Daten, die auf einen handelsüblichen Datenträger passen, zunächst bei “Wikileaks” landen, bevor sie von renommierten Medien publiziert werden? Gäbe es “Wikileaks” nicht, wären Informanten nicht durchaus auch in der Lage ein paar CDs direkt an “Spiegel”, “New York Times” und “Le Monde” zu schicken?

Man muss wohl noch einen logischen Schritt weiter gehen und fragen: Ist der Kampf um “Wikileaks” nicht für die Meinungs- und Informationsfreiheit eher nachrangig, vielmehr aber für Netzaktivisten eine wunderbare Chance, um ihre eigene Bedeutung und Macht zu mehren?

Wikileaks-Macher Julian Assange jedenfalls ringt um einen Platz im Zentrum der “Vierten Gewalt” – und zwar in historischer Dimension: “Mit unseren derzeitigen Aktionen bestimmen wir das Schicksal der internationalen Medien in den kommenden Jahren“, sagte er der spanischen Zeitung El Pais im Oktober 2010 (http://polkomm.net/x/p53ir3). Auf Plakaten druckt Wikileaks schon seit längerem einen geradezu anmaßenden Claim als Selbstdarstellung: “Synonymous with free speech“, sei die Organisation, heißt es da (http://polkomm.net/x/2euwz6).

Solange solcher Unfug in den Netzwerken der Cyberkrieger geglaubt wird, ist der Kriegszustand im Internet kaum noch zu beenden – vor allem nicht, seit es LOIC gibt.

Wie sagte doch Bernd, der Anon, im Tagesschau-Forum über die Cyberwar-Operationen mit der Software: “Jeder (!) kann eine neue Op ins Leben rufen. Es nur eine Frage ob genug folgen.

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