Netzgemeinde-Protest oder Agenda-Setting?

30. November 2010    |    Autor: Ralf-Thomas Hillebrand

Es ist natürlich die Frage, wie man PR und Lobbyismus definiert. Aber jene Menschen, die professionell Kommunikation betreiben, werden am vorvergangenen Mittwoch möglicherweise einen gewissen Neid nicht zu unterdrücken in der Lage gewesen sein, als sie eine dpa-Meldung zur Kenntnis nahmen, die deutschlandweit in allen großen Medien lief. Was da über den Ticker gekommen war, erfüllte alle Merkmale ausgereiften Agenda-Settings. Der Medienlandschaft ein in erster Linie eigenen Interessen zuträgliches Thema aufzutischen, das umgehend so breit läuft, das ist die hohe Schule von PR und Lobbyismus.

Netzgemeinde nimmt die Terrorwarnung aufs Korn“, hatte die Deutsche Nachrichtenagentur ihre Meldung tags zuvor übertitelt, die sie um 15:20 Uhr in die Medienlandschaft gekabelt hatte (http://polkomm.net/x/qsdhg9). Die Headline klang nach Massenprotesten, doch der Fließtext wurde im Wesentlichen bestimmt von einer Aktion des Journalisten Mario Sixtus. Der hatte am Montag eine mit einfachsten Mitteln gestrickte Website in Betrieb genommen, mit der er Internetusern die Gelegenheit gab gegen “Terror-Hysterie” Stellung zu beziehen, die “überaktive Politiker” verbreiten würden. Den Link zu der Website, die in der Meldung wohlwollend als “Portal” bezeichnet wurde, lieferte dpa gleich mit – eine Hilfestellung, mit der Deutschlands größte Nachrichtenagentur (ganz zu recht) üblicherweise äußerst geizig ist.

Schon 250 Internetuser hätten Beiträge zu der Protestwebsite geliefert, schrieb dpa, “mal mit heiligem Ernst, mal mit Spott oder einer Prise Anarchie“. Man hätte, statt solche positiver Wertung, auch darauf hinweisen können, dass – frei nach dem Motto “Staat, reiß dich gefälligst mal zusammen!“, wie es in einem Beiträge hieß – ganz überwiegend großer Verdrossenheit über die Politik breiter Raum gegeben wurde. Oder, dass weitgehend Stammtischniveau vorherrschte – und einer der Protestler auch ganz offen bekannte, dass es “das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“. Doch dpa demontierte “die Netzgemeinde” nicht durch allzu viel Detailanalytik.

Doch schwächer noch, als die Meldung bezüglich der Protestbeiträge daher kam, war die Recherche der Vorgeschichte ausgefallen. Da durfte sich Mario Sixtus als Sprachrohr der Internet-Community und Online-Experte präsentieren – und dpa bekam eine nette Story. Dabei hielt die Behauptung, die “Netzgemeinde” sei aktiv geworden, einer Überprüfung kaum stand.

Als Mario Sixtus am Montagmorgen via Twitter auf seine Website aufmerksam machte (http://polkomm.net/x/x939pt), konnte er zwar mehr als 22.000 Follower in coolem Web-Denglisch um Hilfe bitten: “Aktion ‚Wir haben keine Angst!’ gestartet: http://bit.ly/bX0nZX Mit der Bitte um Mitmachung und extreme Weitersaging. Danke!” Doch weder löste das einen Sturm der Begeisterung aus, noch war das die Netzgemeinde, die angesprochen wurde. Sixtus hat seine stolze Followerschar vor allem in seiner Zeit beim Fernsehsender ZDF eingesammelt, wo er seit November 2008 auf einem Kabelkanal seine Videoshow “Elektrischer Reporter” moderiert.

Nicht einmal jeder zweihundertste der um “extreme Weitersaging” gebetenen twitternden Fernsehzuschauer sah sich denn auch zu dem simplen Mausklick auf die “Retweet”-Funktion veranlasst, mit der man eine Nachricht an eigene Follower weitergibt.

Doch gegen 11 Uhr vormittags, die Protest-Website zeigte gerade einmal rund 20 Beiträge, erhielt Sixtus Hilfestellung. Das Autorenblog Carta.info, das von Robin Meyer-Lucht, Sixtus’ altem Mitstreiter aus den Tagen des “Internet-Manifests”, herausgegeben wird (http://polkomm.net/x/ilousu), widmete sich in einem kurzen Artikel dem “kleinen Bekenner-Blog” des “unverwüstlichen” Mario Sixtus (http://polkomm.net/x/g1cqwk) – und verlinkte die Website selbstverständlich. Eher rührend, was auf Carta.info zu lesen war, aber das tat der Sache keinen Abbruch, denn das anspruchsvolle, von hauptsächlich in Printmedien zu Ansehen gekommenen Profi-Autoren geschriebene Blog erreicht vor allem Medienleute – und die wurden nun aufmerksam.

Um 12:40 Uhr ging der Internet-Nachrichtendienst gulli.com mit einem Text zu der Website online, die zu diesem Zeitpunkt “einige Statements” zeigte (http://polkomm.net/x/p2i0ay). “Wie groß letztendlich die Resonanz ausfallen wird, wird sich zeigen“, schrieb die Autorin des Beitrages, “es dürfte jedoch durchaus einige Menschen geben, denen die Macher der Aktion aus der Seele sprechen.” Natürlich wurde die Protestsite verlinkt.

Gegen 15:00 Uhr hatte Sixtus die taz mit im Boot (http://polkomm.net/x/j7koa6). “Einige” Unterstützer hätten bereits Beiträge eingereicht, schrieb die Tageszeitung. Der Artikel war sachlich und zum Teil auch kritisch gegenüber den “Verschwörungstheorien” einiger Beiträge.

Als der Medienfachdienst Meedia um 16:25 Uhr einen Onlineartikel samt Hyperlink zur Protestwebsite publizierte, waren darauf immer noch keine hundert Beiträge gegen die Angstmache der Politiker zu sehen. Doch auch Meedia gab sich äußerst wohlwollend: Auf Twitter gebe es bereits rund 1.000 Hinweise auf die Aktion, meldete der Dienst (http://polkomm.net/x/559kdb). Diese Zahl darf man getrost in Zweifel ziehen, denn bis heute findet Google auf Twitter nur 156 Tweets mit dem Begriff “keine Angst” und dem Kurzlink der Website (http://polkomm.net/x/kcic9q). Doch nun sah die Aktion schon deutlich erfolgreicher aus.

Gegen 20:50 Uhr wies ein weiteres gewichtiges Online-Medium auf Sixtus’ Aktion hin: der Onlineableger der Süddeutschen Zeitung jetzt.de. Redaktionsleiter Dirk von Gehlen, Follower und Duz-Freund von Sixtus, interviewte den Aktivisten und verlinkte seine Website gleich zweimal (http://polkomm.net/x/9745mn). Sowohl Sixtus als auch von Gehlen twitterten umgehend den Vollzug ihres Gesprächs in den Äther, auch von Gehlens knapp 2.400 Follower erhielten einen Hinweis auf den Onlineartikel (http://polkomm.net/x/4r2r1x).

Als am nächsten Tag dpa die Geschichte aufgriff, hatten also zwar bereits professionelle (und zugleich kommerzielle) Online-Medien mit einer zusammengerechnet wenigstens sechsstelligen Leserreichweite auf Sixtus’ Aktion hingewiesen. Aber dennoch hatten erst 250 Internetuser die Möglichkeit wahrgenommen, ihrem Protest Ausdruck zu verleihen – davon der größere Teil auch erst nach dem Erscheinen der Medienberichte und möglicherweise angestiftet davon. Das mag auch dem dpa-Redakteur etwas zu wenig gewesen sein, um seine These von der protestierenden “Netzgemeinde” belegen zu können. Schließlich sollte der erste Satz der Meldung lauten: “Eine Woche nach der Terrorwarnung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière macht sich im Internet wachsende Empörung über die Sicherheitspolitik der Regierung breit.

Also ging er die Sache einen Tick breiter an: “Terror-Flashmob anyone? Wir bringen alle alte Koffer mit und lassen die dann gleichzeitig auf dem Bahnhofsvorplatz stehn und rennen weg!“, lautete ein zynisches Bonmot, das gerade auf Twitter die Runde machte. Rund einhundert Twitterer hatten das witzig gefunden und per Mausklick weitergeleitet. Ob einhundert sogenannte Retweets die Hypothese von der wachsenden Empörung über die Sicherheitspolitik wirklich untermauern, mag dahingestellt bleiben. Darauf kommt es hier auch nicht an.

Die Hintergründe zu Mario Sixtus’ Aktion und der Berichterstattung sind aus einem anderen Grund bemerkenswert: Sie entlarven einerseits die bescheidenen Möglichkeiten eines anerkannten Internetgurus wie Sixtus, der nur mit massiver Hilfe ihm wohl gesonnener Massenmedien ein paar Hundert Internetuser zum digitalen Mosern bewegen kann, andererseits decken sie aber auch die Mystifizierung des Internets und vor allem der “Netzgemeinde” durch klassische Medien auf.

Je fremder, abstruser und unverständlicher das Internet anmutet, desto lieber schreiben die Massenmedien darüber. Man darf in diesem Phänomen getrost ein politisches und gesellschaftliches Problem sehen. Wer sich mit der politischen Online-Kommunikation befasst, sollte sich dadurch jedoch nicht irritieren lassen: Es ist nicht so einfach politische Prozesse zu kanalisieren und Kampagne ins Leben zu rufen, wie es sich bisweilen in der Zeitung liest. Wohl dem, der wie Sixtus die Unterstützung der Massenmedien genießt – er kann mit den Gatekeepern der klassischen Medien kooperieren. Wem dieser Weg verstellt ist, der wird es nicht leicht haben, ausschließlich im Web politische Unterstützer zu sammeln – selbst wenn er den Status eines Internetgurus genießt.

Eines zeigt der Fall unzweifelhaft: Internetgurus sind nicht nur die Lieblinge der Massenmedien. Sie werden auch von den Massenmedien gemacht.

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