Netzgemeinde beißt MdB Singhammer

12. Oktober 2012    |    Autor: Ralf-Thomas Hillebrand

Endlich mal hat wieder ein Mann einen Hund gebissen. Endlich haben die Medien wieder eine schöne Story, die sich lustig liest – wenn auch auf Kosten eines menschlichen Individuums, das da völlig zu Unrecht vorgeführt wird.

Der CSU-Bundestagsabgeordnete und Stellvertretende Fraktionsvorsitzende Johannes Singhammer habe doch tatsächlich, so berichten etwa der Tagesspiegel (http://polkomm.net/x/ong8os) und n-tv (http://polkomm.net/x/f23ld7) in ihren Online-Ausgaben, Journalisten per Briefpost angeschrieben, damit diese ihm auf Twitter folgen! Die Quadratur der Internetausdruckerei also! Quasi ein Twitter-Post via Snail-Mail! Eine Echtzeitnachricht in der Postkutsche! Dagegen ist „Mann beißt Hund“ eigentlich schon fast eine laue Nummer!

Die Netzgemeinde überschlägt sich vor Spott (http://polkomm.net/x/zyu86x). In Singhammers Schreiben fehle, twittert laut n-tv beispielsweise der User marCH1LL, „die Zeile: Auf Wunsch kann ich Ihnen einzelne Tweets (Nachrichten) per Post zusenden“.  Ein anderer Twitterer wird gleich noch persönlich: “Er war laut Lebenslauf mal ‘Schallplattenverkäufer’. Großartig.

Das bescheidene Niveau der Kommentierungen der Internetszene steht jedoch hinter jenem der medialen Berichterstattung nur wenig zurück: „Sie wollen politische Informationen, so schnell es geht? Warten Sie auf Post, besonders von Johannes Singhammer“, ätzt n-tv. Und der Tagesspiegel druckt seine Schadenfreude in fetten Lettern: „Nun lacht man sich im Internet kaputt über diese skurrile Verquickung von analog und digital.

Dabei ist nicht die Verquickung skurril, sondern die Berichterstattung darüber.

Was hat Singhammer genau getan?

Mit Schreiben vom 1. Oktober hat er auf seinem Abgeordnetenbriefpapier eine unbekannte Zahl Journalisten angeschrieben und ihnen nur drei Sätze zukommen lassen: „Seit kurzem bin auch ich bei Twitter. Ich möchte Sie einladen, mir zu folgen, wenn Sie immer wieder politische Informationen kurzfristig erfahren wollen. Sie finden mich bei Twitter unter Johannes Singhammer oder direkt unter JohannesSingham.“ Es folgt eine handschriftlich unterzeichnete Grußformel.

Kaum jemand, der professionell Kommunikation betreibt, hätte das anders gemacht oder hätte Singhammer etwa geraten, ein solches Schreiben nicht zu verschicken. Singhammer hat Journalisten angeschrieben, die ihm – als Teil des Berliner des Berliner Parlamentsbetriebes – überwiegend persönlich bekannt sein dürften und denen er selbstverständlich auch bekannt ist. Diesen Medienvertretern in möglichst persönlicher, höflicher und damit auch möglichst nachhaltiger Form mitzuteilen, dass ihnen ab sofort eine zusätzliche Quelle für Äußerungen eines Stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion zur Verfügung steht, ist nicht anderes als gutes politisches Handwerk.

Dass ein Berliner Parlamentskorrespondent der Süddeutschen Zeitung nichts Besseres zu tun hatte als das Schreiben zu scannen und seinerseits über Twitter zu verbreiten, tut dem keinen Abbruch. Sondern das belegt eher dessen zweifelhaften Umgang mit den Geschäftsunterlagen seines Arbeitgebers, der Süddeutschen Zeitung, die dem Brief keinen Nachrichtenwert beimaß, der eigene Berichterstattung gerechtfertigt hätte – was der twitternde Korrespondent aber offensichtlich so nicht hinnehmen mochte und was ihn stattdessen dazu bewegte das Schreiben kurzerhand zu “leaken” (http://polkomm.net/x/t6g0dk).

Die Fehler in der medialen Berichterstattung über den Parlamentarier reichen aber noch viel weiter:  “Mag sein, dass er sich mit dem neuen Medium noch etwas anfreunden muss, dass man bei Twitter aber Einladungen auch ganz ohne Briefpapier aussprechen kann, hätte ihm vielleicht einer seiner Berater sagen können”, höhnt die Tagespiegel-Autorin – und demonstriert damit reichlich Ahnungslosigkeit.

Twitter bietet zwar in der Tat eine Einladungsfunktion an. Aber die liest – wie es diverse (meist US-amerikanische) Social Networks zum Entsetzen europäischer Datenschützer tun – nach Eingabe von Mailadresse und Passwort sämtliche Kontakte eines Users aus dessen persönlichem Adressverzeichnis automatisch ein und speichert diese – um dann jenen vorgefundenen Kontakten, die ihrerseits selbst Twitter-User sind, in der Rubrik “Wem soll ich folgen” den Vorschlag zu unterbreiten, neben anderen Twitterern auch dem Nutzer der Einladungsfunktion zu folgen.

Dass mit der Einladungsfunktion eine Zielgruppe auch nur einigermaßen vollständig erreicht werden kann, ist jedoch aus mehreren Gründen zweifelhaft:

Solange man über die E-Mail-Adressen in seinem elektronischen Adressverzeichnis nicht verfügt, eignet sich die Funktion nicht. Und viele Journalisten (die Singhammers Zielgruppe waren) geben ihre persönlichen E-Mail-Adressen äußerst ungern weiter und verbreiten stattdessen öffentlich nur allgemeine Redaktions-Adressen.

Twitter macht einen Vorschlag zum Folgen außerdem nur denjenigen, die in ihren Profil-Einstellungen angegeben haben, dass sie über ihre bei der eigenen Registrierung angegebene E-Mail Adresse auch gesucht werden dürfen.

Natürlich ist zudem unsicher, ob jeder Twitterer die betont funktional wirkende Rubrik “Wem soll ich folgen” überhaupt beachtet – während ein persönlicher Brief mit Sicherheit Beachtung findet.

Aber mehr noch: Es ist sogar nicht einmal unwahrscheinlich, dass viele Individuen der Zielgruppe die von Twitter an sie gerichteten Vorschläge gar nicht auf dem Bildschirm zu sehen bekommen – beispielsweise wegen Nutzung von Twitter via Smartphone (siehe dazu beispielsweise http://polkomm.net/x/jjy1kt).

Die Einladungsfunktion ist also ein lückenhaft arbeitendes Tool. Aber schwerer wiegt noch: Sie ist auch juristisch fragwürdig. Erst im Feburar hatte Twitter den Zorn von Usern und Datenschützern auf sich gezogen, weil herauskam, dass solche hochgeladenen Adressdaten 18 Monate lang gespeichert bleiben und das natürlich ohne Wissen der Betroffenen (http://polkomm.net/x/4md3gt).

Gegen eine ähnliche Funktion Facebooks, den so genannten “Friend Finder”, laufen Verbraucherverbände und Datenschützer denn auch seit langem Sturm. Erst im März erst hat das Berliner Landgericht den “Friend Finder” Facebooks für rechtswidrig erklärt (http://polkomm.net/x/y46ai0). Facebook musste Änderungen vornehmen.

Aber selbst, wenn man davon ausgeht, dass Twitter vor Gericht mit seiner Funktion bessere Karten haben könnte als Facebook, weil keine E-Mails versendet werden und man hochgeladene Adressdaten eigenhändig bereits vor Ablauf von 18 Monaten selbst wieder löschen kann, so verbietet sich in der Politischen Online-Kommunikation die Verwendung eines solchen Tools bereits dann, wenn auch nur der Eindruck entstehen könnte, dass man persönliche Daten Dritter ohne deren Zustimmung in die Server-Landschaft von profitorientierten Internetkonzernen hochlädt ohne genau abschätzen zu können, wie diese Daten verwendet werden.

Natürlich bietet Twitter zu der Einladungsfunktion eine Alternative an: Man kann auch, wie das Unternehmen es nennt, “Freunde via E-Mail zu Twitter einladen”. Die Mail, die Personen dann von Twitter erhalten, auch wenn sie möglicherweise gar nicht selbst bei dort registriert sind, strotzt nur so vor werblichem Charakter zugunsten der Micro-Blogging-Plattform (“Finde heraus, warum ich Twitter liebe”).

Hier dürfte Twitter vor Gericht schlechte Karten haben, wenn man sich die entsprechende Passage des Urteils des Landgerichts Berlin zum Friend Finder von Facebook vor Augen führt (http://polkomm.net/x/cypc84):

Werbung ist jedes Verhalten einer Person zu Gunsten eines eigenen oder fremden Unternehmens, das auf die Förderung des Absatzes oder des Bezugs von Waren oder Dienstleistungen gerichtet ist [...]. Dies trifft auf die Einladungs- und Erinnerungs-Mails zu. Sie haben zwar aus Sicht der Nutzer einen sozialen Zweck, dienen gleichzeitig aber der Förderung des Absatzes von Dienstleistungen der Beklagte, da sie auf eine Vergrößerung ihrer Nutzerschaft gerichtet sind.

Die Versendung der Mails beruht auch nicht allein auf dem Entschluss eines Dritten, also der einladenden Nutzer (vgl. dazu OLG Nürnberg MMR 2006,111,112). Vielmehr handeln diese und die Beklagte nach Ansicht der Kammer als Mittäter (§ 830 Abs. 1 Satz 1 BGB), da sie bewusst und gewollt bei der Versendung der E-Mails zusammenwirken: Die Nutzer stellen die erforderlichen Adressdaten, während die Beklagte die Erstellung der Mails und deren Versand übernimmt.

Anders ausgedückt: Solche Mails sind Spam.

Jeder Berater Singhammers (sofern es die, wie vom Tagesspiegel unterstellt, wirklich gibt) hätte ihm also von der Nutzung beider Funktionen dringend abraten müssen.

Es gibt aber noch einen wichtigen Grund, aufgrund dessen versierte Berater durchaus zum Versand des in der Netzgemeinde so belächelten Schreibens geraten hätten: Singhammer möchte ja über Twitter insbesondere eine spezielle Zielgruppe erreichen, nämlich Journalisten. Denn Journalisten nutzen zunehmend Twitter und berücksichtigen oder zitieren in ihrer Berichterstattung die Tweets von Politikern.

Damit aber die Vorschlagsfunktionen von Twitter den Account eines Politikers möglichst oft Journalisten vorschlagen, muss dieser Politiker einen entsprechend hohen Anteil von Journalisten unter seinen Followern haben. Denn Twitter schlägt per Algorithmus immer analoge Beziehungen vor. Folgt man überwiegend Schlagerstars, werden einem schwerpunktmäßig weitere Schlagerstars zum Folgen vorgeschlagen. Folgt man hingegen eher Fußballprofis, erhält man weitere Kicker zum Folgen angeboten. Twitter weiß aber dabei nicht wirklich, was der Unterschied zwischen einem Schlagstar und einem Fußballprofi ist. Sondern Twitter weiß nur, dass viele User anderen nach einem ähnlichen Schema folgen: Viele Twitterer folgen also beispielsweise auf ähnliche Weise einer Schar von relativ wenigen Twitter-Usern, die aber ihrerseits viele, in der Zusammensetzung wiederum ähnliche Follower haben. Große Gruppen, beispielsweise Fans, fokussieren auf kleine Gruppen, beispielsweise Fußballprofis. Der Rest ist relativ simpel: Folgen Millionen Menschen den deutschen Fußballnationalspielern, identifiziert Twitter diesen Cluster und kann denen, die beispielsweise Mesut Özil noch nicht folgen (obwohl Millionen andere das tun) den Mittelfeldspieler vorschlagen.

Zurück zum Abgeordneten Johannes Singhammer: Hätte er nicht ganz gezielt bei Journalisten für seinen Account geworben (aus genannten Gründen natürlich auch offline) bestünde das Risiko, dass beispielsweise recht bald Follower aus Singhammers Wahlkreises München Nord die Twitter-Gefolgschaft dominieren oder auch die große Zahl bundespolitisch Interessierter Bürger, die vielen Bundestagsabgeordneten folgen, um Politik hautnah zu beobachten. Die Vorschlagfunktion von Twitter würde den Abgeordneten Singhammer dann aber überwiegend nur noch weiteren Wahlkreisbewohnern oder politisch interessierten Bundesbürgern zum Folgen vorschlagen. Journalisten würden den Vorschlag, Singhammer zu folgen, entsprechend seltener sehen.

Der Brief war also auch geeignet, die Zusammensetzung des Followernetzwerkes Singhammers, zumindest in der Anfangsphase, positiv zu beeinflussen.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Johannes Singhammer noch wirkungsvoller twittern könnte als bislang – etwa, indem er lernt Hashtags zu verwenden. Oder auf Kontexte verlinkt, die er kommentiert. Oder sich auch dadurch vernetzt, dass er anderen Twitterern folgt. Allein, der Brief, über den sich alle (Netz-)Welt lustig macht, war durchaus sinnvoll.

Kommentar senden




Powered by WordPress. Copyright © <pol:komm:net>.