Really Simple Syndication, kurz RSS, ist eine einfache Technik, mit der sich im Internet Nachrichten aller Art automatisiert und in Echtzeit verbreiten lassen – natürlich auch politische Botschaften. Doch obwohl die Bedeutung von RSS stetig zunimmt, haben die deutschen Lobbyisten mit dem Nachrichtenformat massive Probleme. Das ist das Ergebnis der Untersuchung aller Websites der beim Deutschen Bundestag registrierten Verbände.

Nur 7,8 Prozent der 2.136 deutschen im Lobbyismus tätigen Verbände nutzen im Rahmen ihrer externen Online-Kommunikation RSS-Feeds und stellen diese zugleich in technischer Hinsicht fehlerfrei auf ihrer Website bereit. Glaubt man dem antiquierten Bild vom Lobbyisten, dessen Aufgabe die persönliche Einflussnahme auf Parlamentarier ist, könnte man darin auch schon die Ursache vermuten: Wer lieber in der Lobby unter vier Augen agitiert, der legt vielleicht gar keinen Wert auf die globale Bereitstellung seiner Botschaften in Echtzeit. Doch diese Vermutung ist falsch.

Moderner Lobbyismus, auch das zeigt die Untersuchung, ist Kommunikation nach allen Seiten. Daher haben die über zweitausend beim Bundestag in der so genannten Lobbyliste registrierten Verbände der Bundestagsverwaltung auch in 83 Prozent der Fälle eine eigene Website angegeben – Beleg dafür, dass die Interessenvertreter die Öffentlichkeit nicht scheuen, sondern suchen. Der Einsatz von RSS scheint dennoch für die Verbände eine hohe Hürde darzustellen.

Nicht einmal jede fünfte Verbandswebsite (18,8 Prozent der untersuchten Websites) weist einen RSS-Feed innerhalb des HTML-Codes ihrer Homepage in einer für Browser und Suchmaschinenrobots verständlichen Form aus, obwohl dies Voraussetzung für eine automatisierte Auswertung des Feeds durch Nachrichten-Software oder Soziale Netzwerke ist.

Bei diesen 332 Verbandswebsites mit technisch korrekt ausgewiesenem RSS-Feed hat aber noch einmal exakt die Hälfte der Feeds selbst, nämlich 166, schwerwiegende Mängel: In 19 Fällen ist die XML-Datei, aus der der eigentliche Feed besteht, technisch unbrauchbar (5,7 Prozent der Websites mit ausgewiesenem Feed), in 39 Fällen (11,7 Prozent) enthält der Feed keine oder keine aktuellen Inhalte und in weiteren 108 Fällen ist das technische Format fehlerhaft programmiert, weshalb eine erfolgreiche Nutzung des RSS nicht gewährleistet ist (32,5 Prozent).

Diese massiven Probleme der deutschen Verbände stehen in krassem Widerspruch zu der immensen Bedeutung, die RSS gerade in der – von Aktualität bestimmten – politischen Kommunikation hat.

Vom Inhaltsverzeichnis zum Tauschformat für Social Media und Mobiles Web

RSS, einst als Rich Site Summary (in etwa “Multimediale Website-Zusammenfassung”) entwickelt, wird in seiner aktuellen technischen Spezifikation der Version 2.0 nunmehr mit Really Simple Syndication (“wirklich einfacher Austausch von Inhalten”) übersetzt. Und hinter dieser Umbenennung steht auch ein Paradigmenwechsel.

Die ursprüngliche Intention von Rich Site Summary war: Websites platzieren in der Regel Wichtiges auf der Hompage, nicht aber unbedingt Neues. Aktuelle Information müssen wiederkehrende Besucher daher zeitaufwändig suchen. Denn beispielsweise eine aktuelle Personalie oder ein bevorstehender Termin sind unter Umständen nur tief verschachtelt auf Unterseiten der Webpräsenz zu finden. Hier hilft RSS, indem es Hinweise über jegliche neuen Dokumente auf der Website als Nachrichtenfeed anbietet – in dem nur die Aktualität zählt. Der Besucher kann solche Nachrichten mit einem üblichen Browser oder einer Feedreader-Software abonnieren. Er wird danach automatisch darauf hingewiesen, wenn die Website neue Inhalte bietet, ohne dass er sie dazu erneut besuchen muss.

Doch in den zwölf Jahren seit der Entwicklung von RSS hat sich im Internet viel getan. Heute steht der Austausch von Inhalten, die Syndication, im Vordergrund – und zwar der maschinell-automatisierte Austausch. Deshalb ging man dazu über RSS mit Really Simple Syndication zu übersetzen. RSS erlaubt nämlich nicht nur Internetnutzer auf neu im Internet veröffentlichte Information hinzuweisen, sondern RSS erlaubt auch die Inhalte selbst der globalen Nachrichtenmaschinerie des Internets zur unbegrenzten Weiterverbreitung zur Verfügung zu stellen. Denn die Inhalte von RSS-Feeds sind technisch so strukturiert, dass sie jederzeit von entsprechender Software oder entsprechend programmierten Websites in neuem Kontext dargestellt werden können – sogar wiederum in neuen RSS-Feeds. Dabei kann der Inhalt auch maschinell auf das Vorhandensein bestimmter Suchworte untersucht und nur dann angezeigt werden, wenn die Suchworte darin enthalten sind – wohlgemerkt automatisiert. Nachrichten oder zusammenfassende Hinweise auf Nachrichten können sich so im Extremfall über verschiedene Medien hinweg frei im Internet ausbreiten.

Zwar nutzt laut entsprechenden Untersuchungen nur etwa jeder achte bis zehnte Internetnutzer – im Sinne von Rich Site Summary – RSS-Feeds durch direktes Mitlesen in einem RSS-Reader. Doch gewinnt RSS – im Sinne von Really Simple Syndication – unterdessen immens an Bedeutung beim automatisierten Austausch von Information. Weder ist das “Echtzeitweb”, in dem Nachrichten ohne Zeitverzug auf direktem Wege vom Absender zum Empfänger gelangen, ohne RSS denkbar, noch können die Sozialen Netzwerke, wo Information sich von Mitglied zu Mitglied weiterverbreitet, darauf verzichten; und erst recht ist RSS aus dem Nachrichtengeschäft des Mobilen Internets, also auf Smartphones und anderen tragbaren Kleingeräten, nicht mehr wegzudenken.

So gibt es eine wachsende Zahl von Funktionen, Diensten und Plattformen, die auf RSS aufbauen:

(1) Mit Yahoo Pipes offeriert Yahoo einen mächtigen RSS-Aggregator, mit dem sich RSS-Feeds zu individuellen Nachrichtenfeeds kombinieren lassen. Hierbei lässt sich vielerlei Suchmaschinentechnologie – bis hin zu semantischen Suchmethoden – auf die RSS-Feeds anwenden, so dass man über entsprechende selbst zu bestimmende Filter sehr präzise themenspezifische Feeds erzeugen kann. User können sich quasi ihren eigenen Fachinformationsdienst aufsetzen.

(2) Mit dem Google Reader bietet der führende Suchmaschinenkonzern ein Tool, das beliebige RSS-Feeds aggregiert. Deren Inhalte können nicht nur nach Suchbegriffen gefiltert werden, der Google Reader erlaubt über kostenlose Erweiterungen auch bequemes Offline-Lesen von RSS-Feeds und dies auch speziell im Hinblick auf Smartphones. Der Google Reader ermöglicht außerdem das Empfehlen von RSS-Inhalten gegenüber anderen Google-Benutzern (sogenanntes “Teilen”).

(3) Sowohl Medien als auch Recherchedienste bieten zunehmend entsprechend aufbereitete Aggregate von RSS-Feeds als eigenen Nachrichtendienst an. Als Beispiel sei das Handelsblatt genannt, das zu Jahresbeginn 2011 eine eigene Website (www.financial-informer.de) startete, die von Unternehmen per RSS bereitgestellte börsenrelevante Nachrichten nahezu in Echtzeit sammelt und darstellt.

(4) Für Smartphones, die sich zur Darstellung von ganzen Websites nur bedingt eignen, werden derzeit ständig neue RSS-Reader und News-Aggregatoren entwickelt. Dieser Trend setzt sich auch beim iPad von Apple fort, zu dem es bereits Software gibt (“Paper Pile“), die aus RSS-Feeds eine individuell gestaltete “Zeitung” generiert.

(5) Grafische Benutzeroberflächen von PC-Betriebssystemen und Webdiensten (wie zum Beispiel iGoogle) nutzen zunehmend Widgets, kleine Unterprogramme, die im Leerlaufzustand des Geräts oder Webdienstes aktuelle Informationen anzeigen. Nahezu alle Widgets, die Neuigkeiten anzeigen, basieren auf RSS-Feeds. Widgets gibt es mittlerweile beispielsweise für fast alle PC-Betriebssysteme, aber auch für die persönliche Gestaltung von Websites von Google und Yahoo und nicht zuletzt für Smartphones.

(6) Soziale Netzwerke nutzen RSS im Hintergrund als Schnittstelle. Für das automatisierte Veröffentlichen von Inhalten in Sozialen Netzwerken gibt es eine wachsende Zahl von Diensten, die einen RSS-Feed einlesen und dessen Inhalte auf Facebook, Twitter und andere Netzwerke posten. Ein Beispiel ist Twitterfeed.com, ein Dienst, der beliebige RSS-Feeds auf Twitter und gleichzeitig auf Facebook veröffentlicht. Nach eigenen Angaben verbreitet Twitterfeed.com über 2,5 Millionen RSS-Feeds in Sozialen Netzwerken weiter. Twitter selbst stellt seine Inhalte übrigens wiederum als RSS-Feed zur Verfügung.

RSS hat sich mithin in den letzten Jahren vor allem als Instrument etabliert, mit dem Kommunikatoren ihre Botschaften – unter geringem Aufwand – in die Sphären von Social Media und Mobile Web transferieren können.

Fehler im Umgang mit RSS sind leicht zu vermeiden

In den meisten Fällen sind es leicht vermeidbare Fehler, die dazu führen, dass sich Verbände den Weg auf Smartphones und in Soziale Netzwerke verbauen.

Immerhin 78 Verbandswebsites, darunter prominente Spitzenorganisationen, verwenden eine veraltete Weiterleitungstechnik (“Meta-Refresh”), um Besucher, die nur die Internet-Domain eingeben, auf die eigentliche Homepage umzuleiten, die eine längere Webadresse hat – wie von www.xyz.de auf www.xyz.de/index.php?page=1. Die Weiterleitung per Meta-Refresh wurde von der W3-Kommission bereits im Jahr 2000 für obsolet erklärt. Das daraus resultierende Problem: Robots folgen solchen Weiterleitungen nicht unbedingt – und finden dann den RSS-Feed nicht.

Eine schätzungsweise zweistellige Zahl von Verbandswebsites macht im Quelltext ihrer Homepage keine für Browser und Robots lesbare Angabe zu RSS-Feeds – obwohl dies mit einer einzigen Zeile HTML-Code getan wäre. Auch hier ist eine maschinelle Weiterverbreitung der Verbandsbotschaften kaum möglich, da Robots den Feed nicht finden können.

Die RSS-Feeds von über 100 Verbandswebsites fallen bei einem Test mit einem im Internet frei verfügbaren Code-Validator (http://validator.w3.org/feed/) wegen – zumeist kleineren – Programmierfehlern durch. Der Test ist in wenigen Sekunden durchzuführen, aber die Verbände scheinen ihn nicht in Anspruch zu nehmen.

Auffällig ist, dass viele der fehlerhaften Websites lizenzfreie, quelltextoffene Content-Management-Systeme wie Typo 3Joomla oder Drupal einsetzen. Ganz offensichtlich wird von den entsprechenden Verbänden der technische Aufwand einer Anpassung solcher universell konzipierten Systeme an die Erfordernisse verbandspolitischer Kommunikation unterschätzt.

Downloads:

Originalbericht der Untersuchung:
http://polkomm.net/rss-studie

Pressemitteilung zur Untersuchung:
http://polkomm.net/pdf/pm-2011-03-08.pdf

 

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