Es sind wohl weniger die Daten selbst als vielmehr die Reaktionen darauf, die hellhörig machen sollten. Alles mutet ein wenig an, als ob Klimaforscher, die ihre Brötchen mit Warnungen vor der Erderwärmung verdienen, plötzlich Messwerte von längerfristig sinkenden Temperaturen zur Kenntnis zu nehmen haben und die neuen Daten knurrend anzweifeln. Der Interessenkonflikt ist klar: Je wärmer die Atmosphäre, desto wichtiger sind halt die Klimaforscher – und umgekehrt.
Allerdings geht es nicht um das Klima, sondern um das Internet. Die ARD-ZDF-Onlinestudie 2010 hat ergeben, dass die Begeisterung der Deutschen für die Partizipation am Web 2.0 in den Sinkflug übergegangen ist: “Die Zuwachszahlen für Web-2.0-Anwendungen fallen geringer aus als in den Vorjahren. Auch sinkt das Interesse an aktiver Teilhabe an Blogs, Twitter und Co. vor allem bei der jüngeren und mittleren Generation. Das ‘Mitmach-Netz’ bleibt so weiterhin beschränkt auf eine kleine Gruppe von Aktiven, die publizieren und kommunizieren, was von vielen abgerufen wird”, resümierten die Wissenschaftler Mitte August ihre Befunde (http://polkomm.net/x/e1a6d3).
Die deutsche Internetologie reagierte umgehend auf die Studie – und zwar knurrend.
Markus Beckedahl, Sachverständiger der Grünen in der Enquête-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft”, erklärte sich für “verwundert” (http://polkomm.net/x/rmd6ra).
Nicole Simon, ebenfalls Sachverständige in der Enquête-Kommission, allerdings von der CDU-CSU-Fraktion berufen, fabulierte darüber, dass solche Befunde Ergebnis falscher Fragemethoden sei (http://polkomm.net/x/ipm61f): “Der wird nun gefragt ‘wie häufig nutzen Sie Weblogs?’ und antwortet korrekt ‘gar nicht. was ist das?’. Weil er oder sie gar nicht weiß, was ein Blog ist und es nicht erkennen würde, wenn man es ihm sagt. Ich habe selber regelmäßig Teilnehmer die mein Blog als Forum ansehen oder als ‘eine Webseite’ aber nicht als ein Blog, selbst wenn sie zu regelmäßigen Lesern werden. Genauso würde die Anzahl über die Jahre abnehmen ‘nutzen Sie RSS-Feeds?’ – nicht weil die Zahl abnimmt sondern alleine deshalb, weil die Leute gar nicht wissen was das ist.”
Der Medienwissenschaftler und Gewinner des Grimme-Online-Awards Robin Meyer-Lucht spekulierte voreilig, die ARD-ZDF-Studie konstatiere ein sinkendes Interesse an aktiver Teilhabe im Netz nur, weil die Studie “Facebook nicht zum ‘Mitmach-Netz’” zähle; hernach verstrickte sich Meyer-Lucht bei diversen “Updates” und Kommentaren seines Artikels in Widersprüche über angeblich unterschiedliche Aussagen der Studie und der dazugehörigen Pressemitteilung (http://polkomm.net/x/ipm61f).
Allein, glauben wollten die Experten, die alle Welt in Sachen “Social Media” beraten, das alles nicht so richtig.
Dabei ist es nicht erst die ARD-ZDF-Onlinestudie gewesen, die diesen Trend belegt. Nur sind andere Untersuchungen vielleicht nicht ganz so prominent.
Beispiel Blogs: Bereits im Februar hatte das US-Meinungsforschungsinstitut Pew Research festgestellt, dass der Anteil von 18- bis 29-jährigen Internetnutzern in den USA, die ein eigenes Weblog betreiben, seit 2005 von 24 auf 15 Prozent gesunken sei. “Bloggen ist out”, hatte daraufhin die Süddeutsche Zeitung getitelt (http://polkomm.net/x/3h1vdl).
Für die deutsche Blogosphäre zeigt ein Online-Tool diesen Trend noch drastischer: Die Website “Deutsche Blogcharts” erlaubt online abzufragen, wie häufig andere Blogautoren per Hyperlink auf ein bestimmtes Blog verweisen müssen, damit dieses unter die Top 30 der deutschen Blogcharts aufrückt. Während man Mitte 2007 dazu 550 so genannter Backlinks benötigte, sind es derzeit nur noch rund 170 – was offensichtlich belegt, wie drastisch die Zahl miteinander um Relevanz konkurrierender Blogs nachgelassen hat (http://polkomm.net/x/me3i6g).
Beispiel Wikipedia: Wenn auch die ARD-ZDF-Onlinestudie einen Boom bei der Leserschaft der Online-Enzyklopädie Wikipedia ausweist (http://polkomm.net/x/weqyam), so ist spätestens seit letztem Herbst bekannt, dass Wikipedia seit etwa drei Jahren mehr und mehr aktive Autoren verliert. So betrug der Autorenverlust der englischsprachigen Wikipedia im ersten Quartal 2009 rund 49.000, während es im gleichen Zeitraum des Vorjahres nur 4.900 gewesen seien, war in den Medien zu lesen (http://polkomm.net/x/iq7pyh). Schaut man sich die zu Grunde liegende Untersuchung an, erfährt man, dass auch in anderen Versionen der Wikipedia, darunter der deutschsprachigen, die Zahl neuer Autoren (“births“) seit etwa 2007 nicht mehr jene der inaktiv werdenden (“deaths“) zu kompensieren in der Lage ist (http://polkomm.net/x/sccqdl, S. 123).
Es dürfte also eigentlich niemanden verwundern, wenn die Autoren der ARD-ZDF-Onlinestudie unter der Überschrift “Kreis der aktiven Web-2.0-Nutzer nimmt ab” zu folgender Bewertung gelangen (http://polkomm.net/x/ns3l0y): “Hinsichtlich der Grundidee des Web 2.0, der aktiven Beteiligung, liefert die Bestandsaufnahme [...] ein eindeutiges Bild: Die meisten Angebote werden durch eine nur geringe Zahl von Onlinern mit Inhalten versorgt. Die Idee des Mitmachens wird durch diese überschaubare Gruppe weitergetragen, ohne dass der Kreis der aktiven Web-2.0-Nutzer erkennbar steigen würde – im Gegenteil: Er sinkt bei den meisten Anwendungen.” Gemeint sind dabei insbesondere Lesezeichensammlungen, Fotosammlungen, berufliche Communities und Netzwerke sowie virtuelle Spielwelten. “Eine Ausnahme im Konzert der Web-2.0-Angebote bilden die privaten Communitys”, schreiben die Autoren der ARD-ZDF-Onlinestudie weiter. “Innerhalb dieser Netzwerke” funktioniere “der Mitmachgedanke.”
In die gleiche Richtung weist auch eine Untersuchung des Marktforschungsunternehmens Fittkau & Maaß vom Juni, die ausweist, dass nur 14 Prozent aller Internet-Nutzer “aktiv kommunizierende, gestaltende Social Networker” seien. Die jedoch finde man bevorzugt in Sozialen Netzwerken wie MySpace, den VZ-Netzwerken und Facebook, wo jeweils mehr als 40 Prozent der Mitglieder “kommunikativ und gestaltend” seien (http://polkomm.net/x/v5hxuy).
Amanda Lenhart, Autorin der oben erwähnten Bloggerstudie von Pew Research, kommt zu dem Schluss, dass es – zumindest im Hinblick auf Blogs – eine Verschiebung der Benutzerpräferenzen gibt: “Microblogging und Status-Updates in Sozialen Netzwerken haben bei vielen Jüngeren und Älteren das althergebrachte ‘Makro-Blogging’ abgelöst”, sagt sie (http://polkomm.net/x/gxhstn).
Wenn das zutrifft, dann darf man daraus wohl einen Schluss ziehen: 140 Zeichen (bei Twitter) oder ein “Gefällt mir!” (bei Facebook) anzuklicken genügt vielen Internetbenutzern als Möglichkeit zur öffentlichen Äußerung beziehungsweise Selbstdarstellung. Einen langen Text zu schreiben, den höchstwahrscheinlich nur wenige lesen, ist ihnen hingegen zu aufwändig.
Eine im Mai veröffentlichte Studie, ebenfalls von Pew Research (“Project for Excellence in Journalism”), stützt diese Vermutung: Sie ergab, dass Blogs fast ausschließlich auf klassische Medien verlinken. Mehr als 99 Prozent aller Nachrichten, auf die in Blogs verwiesen wird, sind demnach redaktionelle Inhalte klassischer Medien und ihrer Internetauftritte (http://polkomm.net/x/nhu1la). Eigene Inhalte zu erstellen, eigene Recherchen durchzuführen – das können demnach Hobbyautoren kaum leisten, weil ihnen Zeit, Ressourcen und Kompetenz fehlen. Eine überwältigende Mehrheit der Social-Media-Nutzer bescheidet sich daher damit, Freunde und Bekannte per Link-Posting auf Inhalte klassischer Medien hinzuweisen.
Dies gilt übrigens nicht nur für den Bereich der Nachrichten: Seit kurzem etablieren sich im Umfeld von Sozialen Netzwerken äußerst erfolgreich Sprüche-Portale wie mir-gefaellts.de oder likefever.org, die es Usern erlauben ein mehr oder weniger witziges Posting zu publizieren, ohne dafür Aufwand treiben zu müssen. Laut dem Internetdienst Alexa hat es mir-gefaellts.de binnen weniger Wochen unter die 700 meistgenutzten deutschen Websites geschafft (zum Vergleich: bundeskanzlerin.de liegt bei Rang 36.000), indem es Sprüche so aufbereitet, dass diese mit einem einzigen Mausklick auf eine Facebook-Seite übernommen werden können. Aktueller Spitzenreiter der Sprüche: “Herr, gib mir die Gelassenheit eines Stuhles. Der muß ja auch mit jedem Arsch klar kommen.” Derzeit haben mehr als 60.000 Facebook-User per Mausklick und dem damit verbundenem Posting Gefallen an diesem Bonmot erklärt und damit zu seiner massenhaften Verbreitung beigetragen.
Dass solche Social-Media-Tools so erfolgreich sind, passt zu den Befunden der ARD-ZDF-Onlinestudie: In der Echtzeitkommunikation der Massen treten nämlich geradezu zwangsläufig die Individualität von Botschaften ganz allgemein und ihr individuell-informativer Wert im Besonderen zugunsten besserer Verbreitbarkeit in den Hintergrund. Es geht – und sei es auf Kosten des Inhalts – in erster Linie um eine ausreichende Positionierung im globalen und weiter zunehmenden Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit. Diese Lektion haben die Social-Media-Nutzer in den vergangenen Jahren gelernt. Deshalb verlagern sie ihre Aktivitäten, deshalb re-posten sie zunehmend, statt kreativ zu partizipieren.
Das mag – wie allzu kalte Klimadaten – enttäuschen, insbesondere, wenn man ohne Vorbehalt an eine demokratisch-emanzipatorische Wirkung des Internets auf die Massen glaubt. Aber sofern man Soziale Netzwerke realistisch zu beurteilen trachtet, passt die ARD-ZDF-Onlinestudie genau ins Bild. Die Politik wird sich darauf einzustellen haben, dass sich Partizipation bei einer zunehmenden Zahl von Internetusern zumeist nur in einem einzigen Klick äußert. Die Botschaften der Politik müssen folglich darauf abgestimmt werden.
Wie schrieb doch ein User namens Ninjaturkey im Diskussionsforum von Netzpolitik.org angesichts des Entsetzens vieler Webaktivisten über die Studie von ARD und ZDF (http://polkomm.net/x/rmd6ra): “Also immer locker bleiben bei solchen Zahlen. Viel wichtiger ist ohnehin immer die Frage, WEM die Zahlen jeweils nutzen!”
